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Burgrieden-Rot

13.04.2017

Da hängt ein Tisch auf dem Flur

Ein Tisch lässt sich hängen: eine Arbeit der Künstlerin Anna Kolodziejska im Museum Villa Rot.
Bild: Marcus Golling

Eine neue Ausstellung im Museum Villa Rot hinterfragt das Verhältnis des Menschen zu den von ihm benutzten Gegenständen. Dabei geht es bisweilen ganz schön verrückt zu.

Ein Tisch ist ein Tisch. Meistens vier Beine, eine Platte, gedacht zum Hinsetzen, Essen, Arbeiten, Diskutieren oder Kartenspielen. Ein Ding, gemacht, um benutzt zu werden. Was aber, wenn der Tisch plötzlich von der Decke baumelt, an einem Strick aufgehängt wie ein totes Tier? Dann ist die Gewissheit plötzlich weg, wir sehen das praktische Möbelstück mit anderen, aufmerksameren Augen. Der Tisch von Anna Kolodziejska hängt derzeit in „Das geheime Leben der Dinge“ im Museum Villa Rot in Burgrieden-Rot (Landkreis Biberach). Eine Ausstellung, die das Verhältnis zwischen Objekt und Betrachter, zwischen Ding und Sinn auf intelligente und oft auch gewitzte Weise hinterfragt. Gleichzeitig ist sie der Einstand des neuen Museumsleiters Marco Hompes, der die Schau in nur sechs Wochen austüftelte.

Nicht bei allen Gegenständen ist die Funktion so leicht zu erkennen wie bei einem Tisch – zumindest für jemanden, der aus einer Kultur kommt, in der es Tische gibt. Anders ist es etwa bei den Zauberstäben von Antoanetta Marinov, die am Anfang der Ausstellung gezeigt werden. Bei denen handelt es sich nämlich um ganz gewöhnliche Holzstücke, die erst durch die Künstlerin zum magischen und damit wertvollen Objekt deklariert werden. Ein spielerisch-kindlicher Zugang, der Museumsleiter Hompes zufolge bei den bisherigen Führungen etliche Besucher irritierte. Denn nebenbei stellt sich auch um die Frage: Wie wird ein Ding zum Kunstwerk? Marcel Duchamp lässt grüßen.

Die baden-württembergische Künstlerin Anja Luithle geht einen anderen Weg: Ihre Objekte entwickeln ein seltsames Eigenleben. Da ist die Sammeltasse, in der sich der Löffel wie von Geisterhand bewegt, das rote Kleid, das zu zittern beginnt, wenn sich ein Betrachter nähert, oder die Krawatte, die immer länger wird, bis sie schließlich bis zum Boden herabhängt. Letzteres lässt sich als Kommentar auf die Welt der mächtigen (oder besser: potenten) Männer in ihren Anzug-Uniformen entschlüsseln. Auch in anderen Räumen des Museums scheinen die Gegenstände verrückt zu spielen: In einem „Analytischen Tagtraum“ von Myriam Thyes verwandelt sich ein Fahrkarten-Entwerter ein ein ticketfressendes Monster, Renate Koch macht aus einem schlichten Teppich mittels Motoren und dünnen Seilen eine elektrische Katze. Guido Weggenmann geht es eher um die Würde der Dinge: Er rettete eine ausgemusterte Bürste aus einer Waschanlage; auf einen Drehmotor montiert dreht diese nun als „Olga“ stündlich Pirouetten in der Villa Rot.

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Passend zum Thema ist die Objektkunst in der Ausstellung deutlich in der Mehrheit, die einzige malerische Position bieten die Zwillinge Maria und Natalia Petschatkinov, die auf Flohmärkten „Other People’s Things“ fanden und malten.

Einem Künstler schenkte Hompes so viel Raum, dass seine Beiträge – trotz des unübersehbaren Bezugs zum Gesamtthema – in der geräumigen Kunsthalle als eigene Ausstellung deklariert wurden: Magnus Thierfelder. Der Schwede rückt scheinbar triviale Gegenstände und Ereignisse ins Zentrum: Er lässt unter anderem eine Hocker auf einem anderen balancieren, macht in „Spring“ ein Loch in einer Wasserleitung zu einer scheinbar nie versiegenden Quelle. Und eine Zimmerpflanze hat sich aus dem Topf befreit und hängt an der Decke. Praktischer ist es, wenn die Dinge das sind, was sie sein sollen. Interessanter sind sie aber so.

„Das geheime Leben der Dinge“ läuft bis 2. Juli. Am Ostersonntag führt Museumsleiter Marco Hompes um 14 Uhr durch die Schau. Am Ostermontag findet ebenfalls um 14 Uhr eine Führung für Familien statt.

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