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13.11.2017

Damit das stille Leiden endet

Die Opfer von Kindsmissbrauch leiden auch oft noch im Erwachsenenalter.
Bild: Symbolfoto: Kaya

Wer als Kind sexuellen Missbrauch erlebt, leidet als Erwachsener oft noch darunter. Frauen, denen so etwas widerfahren ist, finden Hilfe bei einer Beratungsstelle in Neu-Ulm.

Depressionen, Selbstverletzungen, Scham, Schuldgefühle – die Liste der Folgen sexuellen Missbrauchs lässt sich eigentlich noch weiter fortsetzen. Viele Opfer haben ein solches Erlebnis auch Jahre später nicht verarbeitet. Im Landkreis Neu-Ulm können sich Betroffene an die Frauenberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt ( Awo) wenden. Frauen können sich dort telefonisch oder per E-Mail melden. Die Mitarbeiterinnen begleiten die Betroffenen auch zur Polizei oder zu Gerichtsverhandlungen.

Ebenso Gesprächsgruppen werden angeboten, in denen Frauen mit ähnlichen Erfahrungen zusammenkommen und sich unter professioneller Anleitung austauschen können. Kommenden Monat startet eine solche Gruppe speziell für Frauen, die in ihrer Kindheit sexuellen Missbrauch erfahren haben. Die Gruppe leitet die Illertisser Diplompädagogin Franziska Lange. Für viele Frauen seien Gespräche mit anderen Betroffenen eine wertvolle Erfahrung, erklärt sie. Festzustellen, dass sie mit ihren Erlebnissen nicht allein sind, sei oft schon eine Hilfe. Die Pädagogin sagt: „Die Teilnehmerinnen erzählen zwar ganz unterschiedliche Geschichten, aber eine gewisse gemeinsame Grunderfahrung ist da.“ Zum Beispiel, dass ihnen als Kinder niemand zugehört und geglaubt hatte, wenn sie über ihre Erlebnisse sprachen. Die meisten Täter verbieten ihren Opfern überhaupt über das Erlebte zu sprechen, sagt Lange. Viele drohen den Kindern: „Wenn du etwas sagst, muss ich ins Gefängnis.“ Damit haben sie oft Erfolg. Denn der Täter ist in den meisten Fällen ein Angehöriger, etwa Vater oder Onkel, oder zumindest ein enger Freund der Familie. Die Kinder empfänden dann trotz allem Zuneigung zum Täter, erklärt Lange.

Wie Betroffene mit dem Erlebten umgehen, kann sehr unterschiedlich sein. Lange erzählt von Opfern, die den Missbrauch über Jahrzehnte hinweg komplett aus ihrem Gedächtnis verdrängen konnten. Erst im Erwachsenenalter, mit über 40 Jahren oder noch später, kommen die Erinnerungen zurück und müssen dann aufgearbeitet werden. Andere Mädchen trainieren es sich an, ihre Gefühle vom Körper abzuspalten, sagt Lange. „Manche fühlen dann einfach nichts mehr: keine Freude, keine Trauer. Oder nur noch Hass.“ In dem Versuch, sich wieder zu spüren, verletzen sich manche Frauen dann selbst. Viele Kinder, die Missbrauch erleben, verstünden zwar noch nicht, was mit ihnen passiert, sagt Lange, aber dass das, was da vorgeht, nicht normal ist, merken sie ziemlich schnell. Dabei ist sexueller Missbrauch nicht gleichbedeutend mit Vergewaltigung. Der Missbrauch beginne, wenn ein Erwachsener den Austausch von Zärtlichkeiten mit einem Kind dazu benutzt, sich sexuell anzuregen oder zu befriedigen, sagt Lange.

Auch Diplomsozialpädagogin Andrea Gaier arbeitet bei der Neu-Ulmer Awo mit Missbrauchsopfern. Sie sagt, gerade die Ambivalenz in der Beziehung zu dem eigentlich vertrauten Täter könne gravierende Folgen für die Opfer haben. So kann es im späteren Leben schwerfallen, Vertrauen zu anderen Personen aufzubauen. Gaier ist seit fast 30 Jahren für die Frauenberatungsstelle der Awo tätig; seit diese Stelle 1988 eingerichtet wurde. Mit dem Thema Missbrauch beschäftigt sie sich also schon seit mehreren Jahrzehnten. Während dieser Zeit hat sie auch festgestellt, wie die Thematik immer weiter enttabuisiert wurde. „Auf einmal kamen solche Fälle auch in den Fernsehkrimis vor“, erzählt Gaier. Dadurch und auch durch die Aufklärungsarbeit verschiedener Organisationen wird Missbrauch in der Gesellschaft häufiger thematisiert. Für die Opfer macht es das leichter, darüber zu sprechen. Auch die Justiz habe ein offeneres Ohr als früher, sagt Gaier, die auch Richter erlebt hat, die mit völligem Unverständnis reagiert hätten, als Vergewaltigung in der Ehe 1997 zu einem Straftatbestand erhoben wurde.

Am 28. November beginnt die neue Gesprächsgruppe für Frauen, die in der Kindheit sexuell missbraucht wurden. Betroffene können sich noch für die zehn Sitzungen anmelden. Vorher findet mit jeder Frau ein Vorgespräch statt. Die Leiterin der Gesprächsrunde, Franziska Lange, erklärt, sie wolle dabei herausfinden, ob die Gruppe gleich das Richtige für die jeweilige Betroffene ist. Sie sagt: „Wir wollen die Frauen dort abholen, wo sie stehen.“ Sie sollen das Angebot bekommen, das sie brauchen, egal ob das Einzelberatungen oder Gesprächsgruppen sind.

Anmeldung: Die Frauenberatungsstelle der Awo Neu-Ulm ist unter Telefon 0731/73737 oder per Mail unter notruf@awo-neu-ulm.de erreichbar.

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