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Brauchtum

23.10.2012

Das Sterben der Rübengeister

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Schaurig schön: Seit Generationen flackern Rübengeister in dunklen Herbstnächten. Doch der Brauch verschwindet langsam: Landwirte bauen die Früchte kaum noch an – und Schnitzer setzen auf Kürbisse.

Weil die Frucht kaum noch angebaut wird, schauen Schnitzer in die Röhre – oder höhlen Kürbisse aus. Aber in Roggenburg hält der Heimatverein die schöne Tradition am Leben

Landkreis Ihre glühenden Fratzen erhellen nebelige Herbstnächte: Vor Kurzem haben die Rübengeister wieder ihr Unwesen in Roggenburg getrieben – doch der Schreck war bei vielen Bürgern eher freudiger Natur. Die feurigen Geistergesichter wurden begleitet von rund 200 singenden Kindern: „Wir sind die Rübengeister/und geh’n von Haus zu Haus/Nur eine kleine Gabe/bitten wir uns aus“.

Der Roggenburger Heimatverein und die Familie des Vorsitzenden Ludolf Karletshofer in Meßhofen sorgen dafür, dass der uralte „Heischebrauch“ des Rübengeisterns erhalten bleibt. Sie liefern die großen Futterrüben für die Kinder. Eine Woche vor dem Umzug können die Runkelrüben bei ihnen auf dem Hof kostenlos abgeholt werden, damit die Kinder Zeit haben zum Aushöhlen und Schnitzen. Seit fast 20 Jahren wird der Hof nicht mehr bewirtschaftet. Seit dieser Zeit bauen die Karletshofers extra für die Kinder hinter dem Haus etwa 250 Rüben an. Eine Ausnahme in der Region: Es gibt nicht mehr viele Rüben, und deshalb auch nicht mehr viele Umzüge.

Aufwand lohnt sich für die meisten Bauern nicht mehr

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Seit einigen Jahren bauen die Landwirte im Kreis Neu-Ulm das Gemüse, das normalerweise als Tierfutter dient, kaum noch an. Andreas Wöhrle, der Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands im Kreis Neu-Ulm, bestätigt: „Die Futterrübe stirbt aus, wenn sie nicht sogar schon ausgestorben ist.“ Der Aufwand lohne sich für die meisten Landwirte einfach nicht mehr. Die Arbeitskosten seien zu hoch und das Verfahren problematisch. Statt geschnitzelten Futterrüben gebe es für die Tiere im Herbst nun Wintergerste, Getreideschrot oder Klee zu fressen. Dies wirkt sich direkt auf die Brauchtumspflege aus – wer einen Rübengeist schnitzen will, dürfte es schwer haben, Material für den Gespensterkopf aufzutreiben. „Die Veränderungen in der Landwirtschaft nehmen den ländlichen Bräuchen die Grundlage“, sagt Kreisheimatpfleger Walter Wörtz. Er erklärt: „Ursprünglich handelt es sich beim Rübengeistschnitzen um einen alten Lichterbrauch aus der Erntezeit. Die Menschen stellten Kerzen in die ausgehöhlten Rüben, um damit in der dunklen Jahreszeit böse Geister und die damit verbundene Angst zu vertreiben.“

Heute sind die Rübengeister aber nur selten zu finden – zudem läuft ihnen der Kürbis den Rang ab. „Der lässt sich viel einfacher bearbeiten“, so Wörtz. Und das US-amerikanische Halloween-Fest am 31. Oktober nehme hierzulande immer größeren Stellenwert ein. Auch viele Kinder im Kreis Neu-Ulm ziehen in der Nacht zum 1. November als Gespenster verkleidet von Haus zu Haus und fragen nach Süßigkeiten. Im Gepäck haben sie dann keinen Rübengeist, sondern gruselig geschnitzte Kürbisse. Nach Kreisheimatpfleger Wörtz werde der Brauch des Rübenschnitzens nicht verdrängt, sondern abgelöst. „Früher waren es Rüben, heute sind es Kürbisse. Das ist nicht weit voneinander entfernt.“ Trotzdem habe die Futterrübe wohl in Zukunft als Geist keine Chance mehr.

Im Illertisser Stadtteil Au lässt der Obst- und Gartenbauverein die Tradition weiterleben: 28 Kinder haben sich an einem Rübengeisterwettbewerb beteiligt – ihre selbst gezüchteten Früchte wurden zu Furcht einflößenden Fratzen. Am Schluss gab es Preise.

Schnitzkunst gefragt: Die Wand muss möglichst dünn werden

Auch in Meßhofen auf dem Gut von Ludolf Karletshofer sind die Rüben heiß begehrt: „In diesem Jahr blieb nicht eine Rübe übrig.“ Früchte mit Beulen, Warzen oder Höckern seien besonders beliebt: „Die sehen noch gruseliger aus.“ Von der „Schnitzkunst“ der Kinder hänge es dann ab, ob die Wand der Rübe möglichst dünn wird und das Kerzenlicht nicht nur durch Öffnungen wie Mund, Nase und Augen fällt, sondern das ganze Geistergesicht zum Leuchten bringt.

Nach dem Umzug gibt es für die Roggenburger Kinder Würstchen und ein Kasperletheater in der Turnhalle. Ludolf Karletshofer schreibt dafür die Geschichten. „Ich bin am liebsten lustig“ sagt Karletshofer, der seinen Spitznamen „Goischterkaspar“ als Ehrentitel empfindet. Der Vorsitzende des Heimatvereines ist stolz darauf, den Kindern mit dem jahrhundertealten Brauch des Rübengeisterns und mit seinem Kasperletheater Freude zu machen. Dem Heimatverein sei es wichtig, solche Traditionen zu erhalten.

Damit sich das nächtliche „Gruseln“ in Roggenburg in Grenzen hielt, wurde der Rübengeisterumzug übrigens von der Jugendkapelle Roggenburg begleitet.

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