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Ulm

09.03.2020

Das ist die Geschichte einer besonderen Ulmer Familie

Sechs Stolpersteine für das Ehepaar Wilhelm und Rosa Lebrecht und für die vier Söhne Curt, Walter, Hans und Heinrich.
Bild: Dagmar Hub

Wilhelm Lebrecht war Unternehmer und Musiker, seine Söhne waren als das „Quartett“ bekannt. Sie alle flohen vor den Nazis – und hinterließen Spuren in Ulm.

Sechs Stolpersteine nun auch für die Ulmer Familie Lebrecht: Abschluss der siebten Stolpersteinverlegung des Kölner Künstlers Gunter Demnig in Ulm war jene im Garten der Villa in der Steinhövelstraße auf dem Safranberg, die einst Wilhelm Lebrecht hatte bauen lassen. Der Lederwarenfabrikant, geboren 1880 in Ulm, lebte dort mit seiner Familie bis 1939. Die Villa, heute Teil der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wurde in jenem Jahr von den Nationalsozialisten „arisiert“ und zunächst als Gebäude für die Krankenhausverwaltung in Ulm genutzt. 1943 bezog der Ulmer NS-Bürgermeister Friedrich Förster das elegante Gebäude selbst, das in der Zeit des Nationalsozialismus früh zu einem Ort des Neides geworden war. Die Wetterfahne auf dem Haus, die das Ulmer Lebrecht-Quartett gezeigt hatte, hatte als erstes entfernt werden müssen. Zur Stolpersteinverlegung waren Angehörige der Familie Lebrecht aus der ganzen Welt nach Ulm gekommen.

Bild: Dagmar Hub (Archivfoto)

Das „Lebrecht-Quartett“: Doppelte Bedeutung hatte das Wort in Ulm gehabt, erzählte Hans Lebrecht bei seinem letzten Besuch in Ulm im Jahr 2004. Einerseits bezeichnete das Wort jenes hervorragende Streichquartetts, in dem Wilhelm Lebrecht Bratsche gespielt hatte. Zwei der Mitglieder waren Juden, zwei waren es nicht – ein eindeutiges Zeichen, wie sehr die Familie ins gesellschaftliche Leben der Stadt verwoben war. Die Lebrechts waren Eigentümer einer der größten Lederwarenfabriken ihrer Branche in Deutschland. Zum anderen nannten die Ulmer auch die vier Söhne Wilhelm und Rosa Lebrechts – Curt, Walter, Hans und Heinrich – „Lebrecht-Quartett“. Wilhelm und Rosa Lebrecht schafften es, in die USA zu emigrieren. 1947 zogen sie zu ihrem Sohn Curt, dem die Flucht nach Brasilien gelungen war. Dieser war aus dem nationalsozialistischen Deutschland geflohen, nachdem er in der Pogromnacht 1938 misshandelt und dann ins KZ Dachau gebracht worden war.

Künstler Gunter Demnig verlegt Stolpersteine in Ulm

Die Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung zerstreute die Familie Lebrecht auf verschiedene Kontinente: Lebten die Eltern und Curt Lebrecht in Brasilien, war Walter Lebrecht schon 1937 nach Chile gegangen. Er hatte unter den Nationalsozialisten sein Jurastudium aufgeben müssen. Dem jüngsten Sohn Heinrich war die Flucht 1939 auf abenteuerlichen Wegen gelungen: über das sibirische Wladiwostok und mit einem Schiff nach Panama, auf dem er als Koch gearbeitet hatte. Auf einem Pferd ritt Heinrich Lebrecht von Panama aus zu seinem Bruder nach Chile. Dort aber nahm er sich das Leben.

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Der 1915 geborene dritte Sohn Hans hatte kurz vor dem Abitur als Jude die Schule verlassen müssen, unter Schwierigkeiten gelang es ihm noch, eine Lehre als Maschinenschlosser zu machen. 1938 heiratete er Tosca Loewy, die Tochter des Kantors der Ulmer jüdischen Gemeinde, und emigrierte mit ihr nach Palästina. Toscas heute noch lebende Schwester ist die Sängerin und Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano. Hans war derjenige der Lebrecht-Brüder, der nach der Flucht und dem Kriegsende die stärkste Verbindung zu Ulm hielt. Noch 2004, kurz vor seinem 90. Geburtstag, besuchte der Journalist und Friedensaktivist, der in Palästina zum Kommunisten geworden war, noch einmal Ulm.

Hans Lebrecht blieb seiner Heimatstadt Ulm auch nach der Flucht verbunden

Was er im Kibbuz in der Nähe von Haifa vermisse? „Da Ulmer Näbl“, hatte er damals scherzend gesagt, den Ulmer Nebel, nach dem er sich unter der Sonne Israels sehne. Er sah ihn nicht wieder: Hans Lebrecht starb 2014 in Israel. Seine Tochter Margalith Pozniak lebt in Hamburg.

Eine starke emotionale Bindung zu Ulm hatte auch Edmundo Lebrecht, Sohn Walter Lebrechts. Der Theaterregisseur und Autor war 1975 in Chile aufgrund des Einsatzes von Ulmer Bürgern aus der unter dem Pinochet-Regime verhängten Haft freigelassen worden und hatte in Ulm an der AdK inszeniert, ehe er nach Berlin und später wieder zurück nach Chile ging. Edmundo Lebrecht starb 2013.

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