1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Der Albtraum von den eigenen vier Wänden

Justiz

28.03.2018

Der Albtraum von den eigenen vier Wänden

Seit fast zehn Jahren steht das Fertighaus von Ursula Grüninger leer. Bis heute zahlt sie jeden Monat den Kredit für ein Eigenheim ab, in dem sie nicht wohnen kann. Jetzt hofft sie, dass der Rechtsstreit mit dem Hersteller bald ein Ende findet.
Bild: Ursulua Grüninger

Das Eigenheim war Ursula Grüningers größter Wunsch. Doch als sie ihr Haus hat, beginnt für sie ein über zehn Jahre andauernder Kampf um Recht und Gerechtigkeit

Als sich Ursula Grüninger bei dem Produktionsleiter für ihr Fertighaus bedanken möchte, ihm überglücklich die Hand reicht, kann der ihr einfach nicht in die Augen schauen. Heute, elf Jahre später, glaubt Grüninger den Grund dafür zu kennen: „Der wusste ja damals ganz genau, was er mir da zusammengebaut hat.“

Im April 2007 zieht Grüninger, die vorher bei Ulm gewohnt hat, mit ihrem Sohn in das lang ersehnte Eigenheim in Gerstetten ein. Auf ihren Wunsch hin soll es besonders schadstoffarm hergestellt worden sein. Die vorangegangenen Wochen waren im Glücksrausch verflogen. Die richtigen italienischen Fliesen fürs Badezimmer, das Ahornparkett, die Maßgardinen, der Schwedenofen, die Leuchten – all das wollte ausgesucht werden, und Grüninger hatte viel Freude daran. Es war das große Projekt, in dem sie aufblühte, sich verwirklichte.

Ihre Geschichte erzählt Ursula Grüninger mit kräftiger Stimme; über sich selbst sagt sie, dass sie immer gerne angepackt hat. Dabei aber sieht sie einen aus müden Augen an, als habe sie sehr lange nicht geschlafen.

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

Dass etwas mit ihr nicht stimmt, bemerkt Grüninger wenige Wochen nach Einzug, eines Abends auf dem Sofa im Wohnzimmer. Sie fragt ihren Sohn Englischvokabeln ab, aber nach wenigen Worten strengt sie das so sehr an, dass sie abbrechen muss. Wie im Delirium fühlt sie sich, matt, kann sich nicht mehr konzentrieren. Sie schiebt die Symptome auf den Umzug. „Ich habe mir eingeredet, vom Umzug einfach erschöpft zu sein“, sagt sie. Trotz der Müdigkeit kann sie nachts nicht schlafen, allein schon, weil das neue Haus so stark riecht, irgendwie chemisch, beißend und Grüninger bei jedem Wetter alle Fenster offen hält.

Draußen wird es langsam kälter. Der Sommer 2007 ist an Grüninger vorübergezogen, der Herbst neigt sich dem Ende zu. Die Fenster des Fertighauses stehen noch immer offen. Der gesundheitliche Zustand der einst so stolzen Hausbesitzerin hat sich in den vergangenen Wochen rapide verschlechtert. Ein einziges Mal hat sie in ihrer neuen Badewanne gebadet. Seit diesem Tag leidet sie an Kopfschmerzen, Herzrasen, plötzlichen Lähmungserscheinungen. Sätze kann sie nicht mehr zu Ende formulieren, in ihrem Job passieren ihr bei Texten drei Fehler pro Wort. Auch der zehnjährige Sohn wird krank. Wacht morgens mit Fieber auf und übergibt sich. Erst da gesteht sich die Mutter ein, dass all das von ihrem Traumhaus herrührt.

Die Zeit im eigenen Haus wird zur Qual

Für Grüninger und ihren Sohn werden die Wochenenden und Feiertage zur Qual. Der Hersteller streitet ab, dass dieses Haus irgendwelche Mängel aufweist, erzählt sie. Also engagiert die Frau auf eigene Kosten einen Gutachter und der stellt fest: Die Luft in dem Haus ist voller Schadstoffe, unter anderem Formaldehyd – einem Gas, das auch zur Herstellung von Düngemittel und Konservierungsmittel dient. Wenn der Mensch es in hohen Konzentrationen über längere Zeit einatmet, schädigt es Nerven und Zellen, reizt Augen, Haut und Atemwege. Später werden im Leitungswasser auch noch Schwermetalle wie Quecksilber festgestellt.

Ein knappes Jahr nach Einzug, im März 2008, geht es Grüninger so schlecht, dass sie mit ihrem Sohn aus ihrem einstigen Traumhaus flüchtet. Es folgt eine jahrelange Odyssee, von provisorischen Unterkünften zu wechselnden kleinen Wohnungen. Was Besseres kann sie sich nicht leisten – ihr gesamtes Geld, sowie ein Kredit stecken in dem Haus.

Dann beginnt ein nervenaufreibender Rechtsstreit: Drei Jahre lang versuchen Grüninger und ihr Anwalt vergebens, sich mit dem Hersteller außergerichtlich zu einigen. Daraufhin klagt die Fertighaus-Firma. Will feststellen lassen, dass ein besonders schadstoffarmes Haus niemals vereinbart worden sei. Die Klage wird 2012 abgelehnt und erst darauf, im Mai, kann auch die Hauseigentümerin prozessieren. Sie reicht Gutachten auf Gutachten bei der Richterin ein. 2015 dann entscheidet das Gericht, dass die Klägerin Möbel und Bodenbeläge entfernen muss, damit eindeutig festgestellt werden kann, dass das Haus selbst die Giftstoffe ausdünstet. Ihr neues Sofa, die Betten, die Vorhänge – alles verschenkt Grüninger oder wirft es weg. Dann prüft der Sachverständige erneut. Ihr Kampf, das Gericht von ihrem Recht zu überzeugen, macht Grüninger krank. Sie leidet an Knochen- und Gliederschmerzen, ist gefangen in einem dauerhaften Erschöpfungszustand. Schließlich verliert sie auch noch ihren Job.

Der Kampf vor Gericht zieht sich bis heute

Dann endlich der vermeintliche Durchbruch: Im August 2015 zeigt das zweite Gutachten, wie hoch die Giftwerte selbst acht Jahre nach dem Bau des Hauses ausfallen. „Vor Erleichterung bin ich in Tränen ausgebrochen“, erzählt Grüninger. Aber dann, als plötzlich alles klar scheint, sie sich scheinbar nur noch über die Ziellinie schleppen muss, stellt ihr Anwalt mit einem Mal die Arbeit ein. Telefonisch ist er nicht erreichbar, auf E-Mails reagiert er nicht, blockt schlicht jeglichen Kontakt ab. Wieso, das versteht seine ehemalige Mandantin bis heute nicht. Es dauert Monate, bis sie einen neuen Anwalt findet.

August 2017: Ohne Begründung wird der Fall plötzlich einer anderen Richterin übertragen. Und alles beginnt von vorne: Noch einmal müssen dem Gericht sämtliche Fakten dargelegt werden, noch einmal muss verhandelt werden. Doch anstatt ein Urteil zu verkünden, drängt die Richterin seit Februar dieses Jahres die Parteien zu einem Vergleich. Wie der ausfallen wird, ist allerdings noch völlig offen. Genauso, ob ihn die Parteien annehmen werden oder nicht. „Ich will Recht zugesprochen bekommen – damit sich dieser Kampf auch gelohnt hat“, sagt Grüninger. Sie will entschädigt werden, für elf kaputte Jahre – und zwar nicht nur materiell. „Ich erwarte, dass ich jetzt die Chance erhalte, endlich mein Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen. Denn in den gesamten letzten elf Jahren hielt es das Gericht in seiner.“

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren