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Szenische Lesung

18.03.2015

Der Autor als Womanizer

Im Bett mit Tucholsky: Heike Feist und Stefan Plepp.
Bild: Roland Mayer

„Cavewoman“ Heike Feist und Stefan Plepp zeigen Kurt Tucholsky von einer unbekannten Seite

„Ich habe das Lachen eines Clowns. Aber innerlich weine ich“: Kurt Tucholsky, der große Publizist, Satiriker und Dichter der Weimarer Republik, hat es mit der Treue zu den Frauen im Verlauf seines Wanderlebens nicht allzu ernst genommen. Mit dem Abend „Mit Tucholsky im Bett“ entführte das Schauspieler-Tandem Heike Feist – in Ulm regelmäßig als „Cavewoman“ zu Gast – und Stefan Plepp sein Publikum im gut besuchten Roxy-Studio auf eine balladenhaft biografische Zeitreise.

Ein Stuhl, ein Koffer. An der Wäscheleine baumeln Kleider, Hüte, Küchentücher und Briefe. Dazwischen flattern amüsant-melancholische Episoden mit gestalterischem Rollenspiel und kabarettistischem Flair, das von musikalischen Stimmungsbildern am Couplet-Klavier und Chanson-Akkordeon (Stefan Plepp) gewürzt ist. „Kribbelnde Nerven, Gefühl von Rhythmus“ – darum ging es offensichtlich dem Schriftsteller, dessen gesellschaftskritische Bücher 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt wurden, in seinen Liaisons mit dem weiblichen Geschlecht. Wie eng dabei Liebesfreud und Liebesleid verbunden waren, zeigten die beiden Akteure ohne elektronischen Schnickschnack, dafür mit kluger Textauswahl und spielerischer Passion.

Tucholsky ein Macho, Weiberheld und Womanizer? Ein Mann auf jeden Fall, dem die Frauen zuflogen. Doch dafür mussten der 47-jährige Plepp und die 44-jährige Feist aus Berlin keine psychologischen Studien bemühen, sondern ließen Briefe und biografische Notizen ihres erzählerischen, mit viel Posen und Rollenspiel getränkten Affären-Programms Bände sprechen. Mit „Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte“ hat Tucholsky 1912 eine Erzählung in überraschend verspielt-erotischen Tönen veröffentlicht, womit er ein gemeinsames Wochenende mit Else Weil im August 1911 verarbeitete.

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Die Ärztin heiratete er im Mai 1920, ließ sich Februar 1924 von ihr scheiden, ehelichte am 30. August desselben Jahres seine große Liebe Mary Gerold. Doch seine Kavalier-Flammen loderten auch für die Journalistin Lisa Matthias („Schwarze Prinzessin“), Inspirationsquelle für literarische Figuren wie „Lydia“ (Schloß Gripsholm). Hedwig Müller, die Züricher Ärztin, war die letzte Geliebte eines Weiberhelden, der sich zudem jede Menge Seitensprünge gönnte.

„Sei Du die Welt für einen Mann, weil er nicht alle haben kann“: Mit umgeschnalltem Tango-Akkordeon wandert Stefan Plepp durchs Publikum. Mit Tucholsky-Zeilen funkeln Bänkel-Balladen, Alt-Berliner Bogenlampen, schäumt der Champagner in der Ku’damm-Bar. „Der Kavalier lässt sich bedienen, und dreht sich um nach Blondinen.“ Doch eine düstere Zeit bricht durch. Schuldenberge türmen sich.

Mit der die Villa „Nedsjölund“ verlegt der „Weltbühne“-Publizist seinen Wohnsitz nach Göteborg. 44-jährig stirbt Tucholsky am 21. Dezember 1935 im schwedischen Exil. Der berührende szenische Erzählabend von Hoffnung, Lebenslust, Tragik und Scheitern eines großen Weltenbürgers endete im Roxy in der Melancholie einer Leierkastenmelodie.

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