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Tag der offenen Moschee

04.10.2018

Der Imam lobt die Deutschen

Der Vorbeter Imam Samir Haskic betont in der Söflinger Moschee die Bedeutung von guter Nachbarschaft, im Kleinen wie im Großen. <b>Foto: Annika Gonnermann</b>
Bild: Annika Gonnermann

Islamische Gemeinschaft der Bosniaken lädt ein und preist den Nationalfeiertag.

Der Ruf zum Gebet unterbricht die Vorbereitungen zum Tag der offenen Moschee. Exakt um 13.30 Uhr, erschallt der melodische Ruf durch die Bibliothek, die Sporthalle und die Cafeteria der bosnischen Moschee und lässt die Menschen in ihrer Tätigkeit innehalten: Flyer auslegen, Gebäck und Kuchen vorbereiten, mit den Kindern spielen. Das Mittagsgebet, eines von fünf Gebeten, die jeder gläubige Muslim und jede Muslima am Tag Richtung Mekka schickt, hat Vorrang.

Und so strömen die Gemeindemitglieder in die Gebetsräume der bosnischen Moschee, die Männer unten, die Frauen über die Treppe in den ersten Stock. Ohne Schuhe und nur in Strümpfen reihen sich die Frauen und Männer jeweils in dem Raum auf, das Gesicht zu den Fenstern Richtung Osten. Immer und immer wieder verneigen sich die Gläubigen und knien sich auf den prachtvollen samtroten Teppich des Gebetsraums. Er schluckt alle Geräusche und lässt die Mitglieder auf das Beten konzentrieren. Wer aus Gründen des Alters oder der Gesundheit nicht mehr auf den Boden knien kann, der zieht sich auf die Stühle an Rande des Raumes zurück und deutet seinen Respekt durch mehrmaliges Verneigen an. Nach rund 15 Minuten ist das Mittagsgebet vorbei. Ein letztes Mal verneigen sich die Gemeindemitglieder, dann löst sich die religiöse Andacht auf und Mitglieder kommen lachend und schwatzend in die Gemeinderäume zurück. Und der Tag der offenen Moschee kann losgehen.

Wie in jedem Jahr laden die muslimischen Gemeinden in ganz Deutschland am 3. Oktober, am Tag der Deutschen Einheit, ein, die Gebets- und Gemeinschaftsräume vieler Moscheen zu besuchen. Bereits seit circa zwanzig Jahren möchten die Moscheen und ihre Gemeinden so zu einem offenen Miteinander und dem Abbauen von Vorbehalten und vielleicht sogar Vorurteilen beitragen. Und genau das sei auch das Anliegen der bosnischen Muslime in Ulm, so der Pressesprecher und ehemalige Imam der Gemeinde Bilal Hodzic.

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Ungeachtet bundespolitischer Spannungen und Probleme, will der Neu-Ulmer mit seiner Gemeinde lokal und vor Ort zum Dialog aufrufen. Seine Hoffnung daher: „Je mehr Besucher desto besser, denn dann können wir uns Botschaft erklären.“ Und tatsächlich, rund 80 Interessierte fanden an diesem Mittwoch den Weg in die Auchertwiesenweg 21 in Ulm-Söflingen, wo sich die Gemeinde seit 1999 befindet. Zuvor hatten sich die Gläubigen acht Jahre lang in der türkischen Moschee getroffen, bis diese Räumlichkeiten aus allen Nähten platzen - eine Erfolgsgeschichte der Gemeinde der Bosniaken in Deutschland, Gemeinde Ulm, die zu den ältesten und traditionsreichsten in Deutschland gehört.

Die Mitglieder erwarben die ehemalige Sporthalle in Söflingen und bauten sie zu einer Mischung aus Gemeindezentrum und Moschee aus, die neben spirituellen und religiösen Veranstaltungen auch viele Freizeitangebote für ihre rund 500 Mitglieder macht. Davon zeugen die gut ausgestattete Bibliothek, die Billardtische und die renovierte Sporthalle, in der Teenager wie Senioren ihre Nachmittage verbringen. „Alles im Zeichen der guten Nachbarschaft“, so Hodzic, der damit die Brücke zum diesjährigen Motto des Tages der offenen Mosche schlägt: „Gute Nachbarschaft - bessere Gesellschaft“.

Laut Hodzic ist dieses Thema von lokaler wie gesamtdeutscher Bedeutung. „Nach der Familie sind die Nachbarn die Menschen, von denen wir in Zeiten des Leidens und des Kummers und in Zeiten der Not am meisten abhängig sind. Mein Nachbar ist mir nämlich näher als mein Bruder, der wohnt nämlich in der Schweiz“, erklärt Hodzic und schmunzelt. „Gute Nachbarschaft spielt daher eine große Rolle.“ Ähnliche Worte richtete auch der Oberbürgermeister der Stadt Ulm, Gunter Czisch, an die Gemeindemitglieder und zahlreichen Gäste. In seinem Grußwort betonte er das gemeinsame Interesse aller Ulmer, in Ruhe und Frieden zusammen zu leben. „Mein Eindruck ist, dass es in unserer Stadt gut läuft und dass sich die große Mehrheit bei allen Unterschieden, die es gibt, für ein gutes Zusammenleben auf Basis unserer Grundwerte anstrengt.“ Explizit sprach er daher auch der bosnischen Gemeinde seinen Dank aus, die mit ihren Aktionen zu einem offenen Zusammenleben beitrage. Denn: „Wir sind alle verantwortlich, Haltung zu zeigen und uns zu den Botschaften des Grundgesetzes zu bekennen und verpflichtet, etwas für die offenen Gesellschaft zu tun.“ Auch der Imam der Gemeinde, Samir Haskic betonte die Bedeutung guter Nachbarschaft in einer anonymisierten, schnelllebigen Gesellschaft und verwies auf die Lehren des Propheten Mohammed.

Neben der Gastfreundschaft, Offenheit und der guten Nachbarschaft, drängt sich noch ein Thema in den Vordergrund: Integration und das muslimische Leben in Deutschland. Bilal Hodzic hat dazu eine klare Meinung: „Die Muslime fühlen sich wohl in Deutschland.“ Auch und vor allem wegen der religiösen Freiheiten, die sie hier genießen, wie eine Gemeinde zu gründen, Moscheen zu bauen, Unterricht zu geben und zu predigen.

Deshalb sei der Tag der offenen Moschee für die Muslime Deutschland bei genauerer Betrachtung auch wichtiger als für die Deutschen, so Hodzic. „Der Tag der Deutschen Einheit ist für uns ein großer Tag.“

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