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Neu-Ulm

22.05.2015

Der Künstler und das Mädchen

Ein neuer Höhepunkt in der Sammlung des Edwin-Scharff-Museums – und ein Blickfang in der Ausstellung „Die Stille im Zentrum des Zyklons“: Die Bronzeplastik „Still allein“ aus dem Jahr 1932, für die Trude Jalowetzdem Bildhauer Gerhard Marcks Modell saß.
Bild: Alexander Kaya

Das Edwin-Scharff-Museum widmet sich der Beziehung von Gerhard Marcks zu seiner Muse Trude Jalowetz. Im Mittelpunkt steht eine wichtige Neuerwerbung.

Die Bronzeplastik ist fraglos ein bedeutendes Werk in der Sammlung – und steht nun, wenige Monate nach der Erwerbung, im Mittelpunkt einer Ausstellung: „Die Stille im Zentrum des Zyklons“. Diese ist aber nicht nur eine weitere Gerhard-Marcks-Ausstellung in Neu-Ulm (eine solche gab es schon 2010), sondern blickt auf eine besondere Beziehung, die hinter „Still allein“ und vielen weiteren Arbeiten des Edwin-Scharff-Weggefährten steht: Die zu seiner Muse Trude Jalowetz (1910-1976). Konzipiert wurde die Schau in Zusammenarbeit mit dem Gerhard-Marcks-Haus Bremen von dem Galeristen Radek Krolczyk.

Für diesen ist Marcks „der vielseitigste und wichtigste Bildhauer des 20. Jahrhunderts in Deutschland“: Weil sich in seinem Werk die jeweiligen Stile widerspiegeln, aber stets auf eigenständige Weise. Nach mehrjähriger Beschäftigung mit Tierplastik und einer Annäherung an den Expressionismus während seiner Zeit am Bauhaus, kehrte er während seiner Jahre als Lehrer und später Rektor an der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle zur Natur und Körper zurück. Dort traf er auf Jalowetz, die dort Teppichweberei studierte. Für drei Jahre, von 1931 bis 1934, wurde sie zu seinem wichtigsten Modell.

Wie produktiv diese Zusammenarbeit war, zeigt die Ausstellung im Scharff-Museum, die neben „Still allein“ vor allem Leihgaben aus dem Gerhard-Marcks-Haus zeigt: Bronzeplastiken und Steinskulpturen, aber vor allem auch Zeichnungen und Skizzen, die dem Bildhauer als Vorlage dienten. Und die meisten von ihnen zeigen die junge Jalowetz, die mit ihrem schmalen, etwas eckigen Gesicht und ihren zusammengewachsenen Augenbrauen eher besonders als klassisch schön war.

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Marcks störte das nicht: Das Gesicht Jalowetz’, verbunden mit einem schrägen Scheitel, sei für diesen, so Kurator Krolczyk, anfangs eine Art Künstlersignee geworden. Bis er sich weiter in die Person seiner Muse vertiefte: Die Büste „Angela“ (1934) etwa, zeigt Jalowetz als zwar überirdische Figur, aber auch als echte Frau. „Still allein“ ist dann der Höhepunkt der Ausstellung, markiert aber auch einen Übergangspunkt im Leben des Bildhauers, der in der beginnenden NS-Zeit den Rückzug ins Innere antrat und dabei einen Höhepunkt seines Schaffens erreichte – und einen Karriere-Tiefpunkt. Er verlor seine Stelle in Halle, seine Kunst wurde als „entartet“ gebrandmarkt.

Jalowetz musste 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft die Schule verlassen. Sie emigrierte nach Holland, wo sie Marcks bei einem Besuch noch einige Mal Modell stand. Danach trennen sich die Lebensläufe des Künstlers und seiner Muse. Jalowetz überlebte im Untergrund und emigrierte später in die USA. Nur noch einmal, 1963, sehen sie sich wieder. Ein für beide enttäuschendes Treffen, auch weil sich Marcks kaum für die künstlerische Arbeit seiner früheren Inspirationsquelle interessierte.

Doch die Spuren der gemeinsamen Zeit bleiben in Marcks’ Werk bestehen. 1967 veröffentlicht er unter dem Titel „Seraphita“ einen Band mit Zeichnungen nach der jungen Jalowetz – und auch spätere Plastiken tragen ihre Züge. Die erwachsene Trude, die nach ihrer Hochzeit mit einem später von den Nazis getöteten holländischen Widerstandskämpfer Guermonprez hieß, hatte da schon ihren eigenen, wenn auch etwas bescheideneren Platz in der Kunst- und Designgeschichte erobert: als erfolgreiche Textilkünstlerin und Lehrerin.

Ausstellung: Eröffnet wird „Die Stille im Zentrum des Zyklons“ heute, Freitag, um 19 Uhr. Es sprechen OB Gerold Noerenberg, Museumsleiterin Helga Gutbrod und Kurator Radek Krolczyk. Lisa Konnerth und Karin Schweigart-Hilario begleitet die Vernissage. Die Ausstellung läuft bis 16. August.

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