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Ulm

15.09.2016

Der Lebensmittelretter

Ulms einziger Fair-Teiler befindet sich in der Ulmer Universität Süd. Foodsaver Matthias Burger kommt regelmäßig vorbei, um den Kühlschrank zu füllen und sich etwas daraus zu nehmen.
Bild: Alexander Kaya

„Verwenden statt verschwenden“ lautet das Motto von Foodsharing Ulm. Aktivist Matthias Burger erzählt, wie manche Händler und Konsumenten Essen vor der Tonne bewahren.

Mitten auf dem Campus der Ulmer Universität steht ein Kühlschrank. Studenten öffnen dessen Tür, nehmen sich eine Quarktasche heraus, stellen ein Glas Marmelade hinein. Weit und breit kein Verkäufer, keine Kasse. Der Kühlschrank ist Ulms bislang einziger „Fair-Teiler“, eine Abhol- und Bringstation für sogenanntes Foodsharing.

Essen teilen, den Überfluss nutzen, verwenden statt verschwenden – dieser Gedanke ist nicht neu. Tafelläden verteilen seit Jahren Lebensmittel, die sonst in der Tonne landen würden, an Bedürftige. Ein ergänzendes Angebot und kein konkurrierendes, soll Foodsharing sein. Dabei kann jeder Essen teilen und bekommen, ob mittellos oder nicht. In Ulm hat sich vor rund eineinhalb Jahren eine Gruppe Studenten zusammengefunden, die Foodsharing über eine in Köln gegründete Onlineplattform organisieren. 116 aktive Ehrenamtliche hat das Ulmer Foodsharing mittlerweile, vom Schüler bis zum Rentner.

Einer von ihnen ist Matthias Burger, Doktorand in Molekularbiologie. Der 26-Jährige darf sich „Foodsaver“ nennen, zu deutsch: Lebensmittelretter. Er ist dafür zuständig, Kooperationen mit Händlern zu organisieren und überschüssige Waren bei ihnen abzuholen. Sei es ein Topf Reis beim Sushi-Laden um die Ecke, ein Korb Brot und Semmeln beim Bäcker oder Äpfel vom Wochenmarkt. Momentan gebe es acht laufende Kooperationen, weitere seien im Gespräch. „Manche Händler sind begeistert vom Foodsharing und werben sogar damit“, sagt Burger, „andere wollen es lieber geheimhalten, aus Sorge, dann vor Ladenschluss nichts mehr zu verkaufen.“ Damit alles geregelt abläuft, vereinbaren die Foodsaver feste Abholzeiten mit den Händlern, die in einem Onlinekalender vermerkt sind. „Es gibt eine Abholgarantie, egal was für Produkte die Händler bereitstellen“, sagt Burger, der einmal pro Woche Abholdienst hat.

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Mit einem Handkarren geht Burger anschließend durch die Stadt, trifft Bekannte, spricht Passanten an und verteilt die Lebensmittel an schlichtweg jeden, der etwas möchte. Alternativ legt er die Waren in den „Fair-Teiler“ auf dem Eselsberg, wo sich jeder Student und Uni-Mitarbeiter selbst bedienen kann. Wie die Ulmer das Angebot annehmen? „Die Leute wundern sich erst mal, dass sie was geschenkt bekommen“, erzählt Burger. Viele seien auch skeptisch, weil sie nicht wissen, wo das Essen herkommt und etwa verdorbene Lebensmittel befürchten. Hier sei Aufklärung wichtig. „Wir haben Verantwortung für die Lebensmittel“, sagt Burger, „Es gibt interne Richtlinien, die wir befolgen. Etwa, dass kein Essen mit rohen Eiern verteilt wird oder dass der Fair-Teiler-Kühlschrank regelmäßig zu reinigen ist.“

Wer einer von mittlerweile rund 20000 Lebensmittelrettern in Deutschland werden will, muss zunächst ein Quiz im Internet lösen, um zu beweisen, dass er sich gewissenhaft informiert hat, etwa wie sich die Kühlkette einhalten lässt. Danach folgen drei Einführungs-Abolungen, erst dann wird ein Ausweis ausgestellt. Zudem gebe es monatliche Info-Treffen und Arbeitsgruppen, etwa für Veranstaltungen wie die Ehrenamtsmesse.

Um mitzumachen, muss man aber kein Lebensmittelretter sein wie Burger. Neben den Foodsavern gibt es Foodsharer, Lebensmittelteiler. Jeder, der Lebensmittel übrig hat, kann auf der Website foodsharing.de ohne Anmeldung einen virtuellen Essenskorb erstellen. Zum Beispiel, wenn kurz vor dem Urlaub noch fünf Joghurts im Kühlschrank stehen. Oder wenn die Obstbäume im Garten zu viele Früchte tragen, um sie allein verwerten zu können. Wer etwas von den angebotenen Waren möchte, klickt auf den virtuellen Einkaufskorb, der auf einer Landkarte eingezeichnet ist. Die Abholung organisieren die Nutzer selbst via Telefon oder E-Mail. „Weil das Essen von Privatpersonen kommt, kann die Plattform nicht dafür haften, was jeder am Ende bekommt“, sagt Burger.

Neun Tonnen Lebensmittel vor dem Mülleimer bewahrt

Die steigenden Mitgliederzahlen zeigen: Foodsharing ist auf dem Vormarsch. Ein Grund dafür mag sein, dass das Bewusstsein für Nachhaltigkeit steigt, sowohl seitens der Konsumenten als auch der Händler, vermutet Burger: „Die Mitarbeiter sind froh, wenn sie nicht mehr so viel wegwerfen müssen.“ Eine Statistik zeigt den Erfolg der Gemeinschaft: Foodsharing Ulm konnte bisher neun Tonnen Lebensmittel in 900 „Rettungseinsätzen“ vor der Tonne bewahren – ein gutes Ergebnis für eine vergleichsweise kleine Großstadt wie Ulm.

Wie nachhaltig Burger selbst lebt? „Wenn man sich mal mit der Thematik befasst hat, kommt man schon ins Grübeln“, sagt der Doktorand. „Ich habe das Prinzip auf andere Lebensbereiche ausgeweitet“ Er kaufe etwa so wenige Klamotten wie möglich neu. Für die Zukunft wünscht sich der Doktorand einen zweiten Fair-Teiler in der Innenstadt. Eine Arbeitsgruppe habe sich bereits auf die Suche gemacht, bislang erfolglos. „Alles, was wir brauchen, sind ein öffentlich zugänglicher Ort und eine Steckdose.“

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