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Ulm

01.08.2018

Der Notarzt, den der Himmel schickt

Oberstarzt Professor Dr. Lorenz Lampl vorm Ulmer Bundeswehrkrankenhaus: Der Pionier der Luftrettung, der maßgeblich die Kooperation von ADAC Luftrettung mit dem Rettungshubschrauber „Christoph 22“ und der Bundeswehr entwickelte. Foto: Möllers

Professor Lorenz Lampl baute die Ulmer Luftrettung auf . Nun verabschiedet die Bundeswehr den Oberstarzt, der aus seinem reichen Erfahrungsschatz erzählt.

„Man hat sich bemüht.“ Wenn Oberstarzt Professor Dr. Lorenz Lampl, Ärztlicher Direktor der Abteilung Anästhesie und Intensivmedizin im Bundeswehrkrankenhaus Ulm, nach seiner beruflichen Bilanz gefragt wird, zitiert er gerne den 1992 verstorbenen SPD-Politiker und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt. „Es würde reichen, wenn auf meinem Grabstein steht: ,Man hat sich bemüht’“, hatte Brandt 1989 einem Journalisten gesagt.

Lampl, der am Dienstag aus dem Dienst der Bundeswehr verabschiedet wurde, hat sich nicht nur bemüht. Vielmehr hat der 63-Jährige sich vor allem für die Entwicklung der Luftrettung engagiert: Das Ulmer Modell – die Bundeswehr stellt das medizinische Personal, der ADAC den Hubschrauber und die Piloten – wäre ohne Lampl nicht denkbar. Lampl weiß nicht genau, wie viele Einsätze er selbst geflogen ist: „Bei 3500 habe ich aufgehört zu zählen.“ Ihn fasziniere, „dass man mit klaren Sinnen und klaren Fähigkeiten in prekären Situationen rasch behandeln kann.“

Längst nicht mehr wird der Rettungshubschrauber „Christoph 22“ ausschließlich, wie in den Anfangsjahren der Luftrettung, zu Verkehrsunfällen mit Schwerverletzten gerufen: „Wir fliegen heute zu Arbeitsunfällen, Misshandlungen, internistischen Notfällen.“ Durchschnittlich fünf Einsätze pro Tag absolvierte die „Christoph 22“-Crew 2017. Die punktuelle Höchstleistung, um genau in diesen Momenten das Richtige zu tun, Atmung, Blutdruck, Herzrhythmus und Bewusstsein zu kontrollieren: „Das ist mein Ding“, sagt der Anästhesist, „Hilfe, die das Chaos ordnet, hilft und dann auch, nach Übergabe des Patienten in der Klinik, mit dem Fall abschließt.“

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Der junge, frisch approbierte Mediziner Lorenz Lampl wurde 1981 als wehrpflichtiger Arzt einberufen: „Der Bund zog uns erst nach dem Studium, weil wir als Stabsärzte natürlich viel wertvoller waren als ohne Ausbildung“, erinnert Lampl sich. Er war gerade fünf Monate Soldat, als er zum ersten Mal als Notarzt im Hubschrauber zu einem Rettungseinsatz flog. Sein Chef war dabei, schaute sich den jungen Kollegen an. Hinterher sagte er: „Ich hab’ gesehen, Sie können das.“ Heute besetzen ausschließlich fertig ausgebildete Fachärzte mit Zusatzausbildung zum Notfallmediziner den Rettungshubschrauber „Christoph 22“. Schnell erkannte Lampl, dass die Bundeswehr ihm große Chancen bieten würde – und verpflichtete sich weiter: 1985 kam die Facharztqualifikation als Anästhesiologe. 1986 wurde er zum Oberarzt und 1998 zum Leitenden Arzt der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin des Bundeswehrkrankenhauses Ulm ernannt. 1994 habilitierte er sich. Lampl blickt zurück: „Dieses Tempo wäre heute gar nicht mehr möglich, niemand ist heutzutage mit 31 Jahren Oberarzt.“

Die Erfahrungen aus der Klinik und im Rettungsdienst brachte Lampl an verschiedenen Stellen in die Bundeswehr ein. Die rasante Entwicklung des Sanitätsdienstes, der aufwuchs, ausgebaut wurde und sich heute weltweiter Anerkennung erfreut, begleitete er aktiv.

Und es kamen Einsätze, auch für den Ärztlichen Direktor: „Als Vorgesetzter musst du genauso wie alle anderen Kameraden in den Einsatz gehen, du bist ja Vorbild.“ Also war Lampl in Afghanistan, in Sarajevo, vor den Küsten des Libanon und vorm Horn von Afrika. 300 Einsatztage verzeichnet er und spricht von Kriegseinsätzen. Denn in Afghanistan musste er mit seinem Team im Feldlazarett parallel 13 Verletzte behandeln: Eine ungarische Patrouille war unter Beschuss gekommen. 2010 wurden vier deutsche Soldaten, unter ihnen ein Bundeswehr-Arzt aus Ulm, bei Kämpfen in Nordafghanistan getötet. Auch ein Vollblut-Mediziner wie Lorenz Lampl musste Rückschläge hinnehmen: „Von 1996 bis 2000 musste ich im Rettungsdienst eine Pause einlegen, um nicht auszubrennen.“ Den Ausgleich sucht und findet Lampl in der Musik, er spielt Klavier und Orgel: „Bach vor allem“. In den vergangenen Monaten hat Lampl sein Arbeitspensum heruntergefahren, Ende 2016 bereits hatte er nach 35 Jahren in der Luftrettung seinen letzten Einsatz: „Es ist an der Zeit, die fordernden Einsätze jüngeren Kollegen zu überlassen“, erklärte er den vielen notärztlichen Kollegen, die sich anlässlich seines letzten Dienstes auf „Christoph 22“ am Hangar eingefunden hatten. In Zukunft will er als Gutachter und in der Notarzt-Ausbildung tätig sein, weiter die Fachzeitschrift Der Notarzt herausgeben. Und er will mit seiner aus den USA stammenden Frau reisen: „Alaska mit dem Schiff.“ „Man hat sich bemüht“: Reicht dieser Satz für ein Lebenswerk aus? Lampl wird zu Ende des Gesprächs nachdenklich und setzt neu an: „Mit Hilfe des Schöpfers, mit Disziplin und Glück habe ich die Klippen umschifft, konnte mein berufliches Lebenswerk verwirklichen: am Patienten, als Ausbilder, als akademischer Lehrer. Und ich konnte meinem Land dienen.“

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