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Porträt

23.06.2017

Der Pfarrer, der die Kunst versteht

Erinnerungen an den Großvater, den er nie kannte: Pfarrer Jean-Pierre Barraud zeigt ein Stierkampf-Gemälde in seinem Wohnzimmer.
Bild: Dagmar Hub

Der evangelische Geistliche Jean-Pierre Barraud hat neben seiner seelsorgerischen Arbeit in Thalfingen noch eine weitere Aufgabe

Selbstverständlich hat Jean-Pierre Barraud, Kunstbeauftragter der evangelischen Kirche für den Kirchenkreis Augsburg und Schwaben, Kunst im heimischen Wohnzimmer hängen. Doch wer dort sakrale Werke erwartet hätte, steht staunend vor Bildern südfranzösischer Landschaften und vor einem Stierkampf-Gemälde. Für den Thalfinger Pfarrer Barraud sind diese Arbeiten ein wichtiger Schlüssel zu seiner eigenen Biografie: Der Großvater, dem sie einst gehörten, starb vor seiner Geburt. „Dass ich eine Verbindung zu einer Person und zu einer Welt aufbauen konnte, die doch Teil meiner Welt ist, obwohl mir mein Großvater persönlich unbekannt ist, liegt an diesen Bildern. Diese Erfahrung hat mich sicher geprägt.“

Kunst: Ihr Wert liegt für Barraud darin, „dass ich ins Gespräch komme mit einer Person, dass über das Bild Beziehung möglich ist“. Es geht ihm darum, dass der Betrachter eines Kunstwerkes etwas spürt. „Über den Künstler. Oder über sich selbst.“ Die Bedeutung eines Kunstwerkes ist eine Frage der Herangehensweise. „Der sinnloseste mögliche Zugang zu Kunst ist für mich das Abhaken. Gesehen, abgehakt.“ Und der Beste? „Ich finde, dass man über die Kunst im Diesseits etwas vom Jenseits erfahren kann.“

Er selbst und seine Frau, Pfarrerin Anja Saltenberger-Barraud, seien in der glücklichen Lage, dass die Thalfinger Thomaskirche sehr schlicht ist und ein Freiraum über dem Altar praktisch zur Auseinandersetzung mit moderner Kunst einlädt. „Man kann aus der Not, dass wir nichts haben, eine Tugend machen. Ich bespiele gerne Räume“, sagt der 42-Jährige. Gemalt und gezeichnet hat er schon als Kind nicht gerne, sagt er und erinnert sich an den Kindergottesdienst, wo man zu Geschichten malen musste – und seiner eigenen Erleichterung, als man ihm stattdessen eine Zeitung gab. „Die zerreißen, etwas Neues gestalten – das war so genial!“

Neue Sehgewohnheiten möchte Barraud in die Kirchen bringen. Zu seinen Aufgaben gehört der Aufbau von Kontakten und Beziehungen zu Museen, zu Galerien und Kunsthäusern. „Sakrale Kunst ist wunderbar. Aber sie ist eine Bebilderung dessen, was wir kennen. Kunst kann etwas erneuern“, sagt er. „Kirche ist kein Museum.“ Gerade die reduzierten Kirchen seien Bühnen für moderne Kunst. „Man kann sie verwandeln, und dadurch können sie leben. Das mag bilderstürmerisch klingen, das ist es aber gerade nicht.“ Denn das Einbringen moderner Kunst in Kirchen verkenne nicht den Grundauftrag der Gotteshäuser, sondern erweitere ihn. „Wie will ich Menschen in die Kirche bekommen, die sonst nicht hingingen?“

Barrauds Eltern waren keine Pfarrer. „Ich sehe das als Vorteil“, sagt er. „Der Kirchenraum ist für mich nicht nur der Raum zum Beten und für den Gottesdienst. Das tue ich alles gern, keine Frage. Aber eine Kirche ist auch ein Ermöglichungsraum. Man kann seine Funktion über die eigentliche Bestimmung hinaus erweitern.“ In der Wandlungsfähigkeit der großen Räume sieht er eine Chance: „Warum nicht zum Beispiel in der Passionszeit Kunst aus der Kirche entfernen?“ Zeitweilige Unsichtbarkeit verändere Sehgewohnheiten und ermögliche eine andere Wahrnehmung und Begegnung. „Dazu muss man die Feinheit entwickeln, das zuzulassen, was einen anspricht.“ Wie derzeit bei einer temporären Installation Elke Maiers in der Lindauer Stephanskirche: „Die Seidenfäden dieser Installation sind greifbar und nicht greifbar zugleich. Man weiß nicht genau, wo sie festgemacht sind. Man weiß nicht genau, wo oben und unten ist“, erzählt Barraud. „Das Horizontale und das Vertikale kreuzt sich.“

Kunst und Kirche gehören zusammen. Das spürte Barraud schon als Junge, der in der Nähe eines Pfarrhauses aufwuchs und die Atmosphäre dieses Hauses erlebte. „Da war privater Raum, und da war Raum zur Begegnung.“ Als er im Kunstunterricht vor dem Abitur das Modell seines Traumhauses bauen musste, baute er genau jenes Pfarrhaus nach.

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