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06.05.2016

Der Sinn auf dem Seziertisch

Wer braucht schon Liebe, wenn man einen Frosch sezieren kann: das Teatro Caprile in Ulm.
Bild: Felix Oechsler

Teatro Caprile bei der Literaturwoche

Der junge Mann hat sich ein Herz gefasst. Mit Blumen in der Hand kniet er vor seiner Angebeteten. Doch aus dem Antrag wird nichts: Denn die Geliebte ist gerade damit beschäftigt, einen lebenden Frosch zu sezieren. Eine Situation mitten aus dem Leben? Sicher nicht. Aber eine der vielen surreal-komischen Szenen beim Auftritt des Teatro Caprile bei der „Literaturwoche Donau“. Dem Schauspieler-Quartett aus Wien, das schon im vergangenen Jahr bei dem Festival zu Gast war, gelingt es, Texte auf die Bühne zu bringen, die eigentlich zu skurril und sinnfrei für das Theater sind.

„Die Beseitigung der modernen Ratlosigkeit“ heißt das Stück des Teatro Caprile, das eigentlich eher eine geschickt verbundene Aneinanderreihung einzelner Szenen ist. Und das kommt bei der gut besuchten Vorstellung in der Ulmer Museumsgesellschaft an: Da bekommt ein Mann unerwarteten Besuch der sehr lebendigen Frau Tod, ein Experte referiert ohne Anzeichen derselben über die Fröhlichkeit oder eine Ärztin bittet zur „Wortleichenöffnung“ – schließlich sind Begriffe wie „Phablet“, ein Kofferwort aus „Phone“ und „Tablet“, fast so schnell verblichen, wie sie aufgetaucht sind.

Die verwendeten Texte stammen von Flann O’Brien, Konrad Bayer, Daniil Charms und auch vom Literaturwochen-Begründer Florian L. Arnold. Die Schauspieler des Teatro Caprile – zwei Männer und zwei Frauen – finden dazu die richtige überspannte Künstlichkeit. Etwas Straffung könnte das Programm freilich noch gebrauchen: Einige Szenen gerade der ersten Hälfte haben ihre Längen. Dafür entschädigt aber die zweite. Großartig der Poet, der bei der Lesung verzweifelt nach seiner Brille sucht oder auch die anschließende Simultan-„Brüllung“ von Tolstois „Krieg und Frieden“ und Joyce’ „Finnegan’s Wake“. Am Ende ist man als Besucher natürlich genauso ratlos wie zu Beginn. Aber man fühlt sich gut und klug unterhalten. (mgo)

Heute, Freitag, liest Science-Fiction-Autor Andreas Eschbach in der Stadtbibliothek Ulm. Beginn ist um 19.30 Uhr. Morgen, Samstag, endet die Literaturwoche ab 18 Uhr im Venet-Haus. Mit dabei: Autorin Felicitas Andresen und die Band Knulp.

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