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Ulm

24.02.2018

Der Tanz der Auschwitz-Überlebenden

Esther Bejarano, geb. Loewy, im Ulmer Stadthaus.
Bild: Paolo Percoco

Esther Bejarano entkam dem Vernichtungslager. Nun singt und erzählt die 93-Jährige im Stadthaus.

Am Ende des Konzerts tanzt die 93-jährige Esther Bejarano auf der Bühne im Stadthaus. Im Herzen einer Stadt, an die sie auch schreckliche Erinnerungen hat. 1936 zog sie mit ihrer Familie nach Ulm, besuchte das jüdische Landschulheim Herrlingen. Lange durfte sie nicht bleiben: Ihre Eltern wurden im November 1941 von den Nationalsozialisten ermordet, ihre Schwester im Dezember 1942 in Auschwitz.

Dorthin wurde die Jüdin über Umwege 1943 deportiert. Doch Bejarano, Jahrgang 1924, überlebte Auschwitz als Musikerin im weiblichen Häftlingsorchester, dem „Mädchenorchester von Auschwitz“. Von Auschwitz nach Ravensbrück verbracht, konnte sie auf einem der folgenden Todesmärsche entfliehen. Trotzdem schafften es die Nazis nicht, ihr die Freude an Musik zu rauben.

Und jetzt steht die kleine Frau auf der Bühne im Stadthaus. Quicklebendig. Eigentlich sollte ihr Konzert mit der Microphone Mafia im vergangenen Jahr im Zuge der Ulmer Friedenswochen stattfinden, musste aber aus persönlichen Gründen der Formation verschoben werden. Der Nachholtermin ist weit geschichtsträchtiger. Am 22. Februar, dem 75. Todestag von Hans und Sophie Scholl. Vom Gottesdienst im Ulmer Münster bis zur Kranzniederlegung am „Weiße Rose“-Denkmal auf dem Münsterplatz, einer Open-Air-Performance und einer Gedenkrede steht der ganze Tag im Zeichen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

Vor ausverkauften Rängen betritt die 93-jährige Bejarano die Bühne des Stadthaussaales und liest aus ihrem beeindruckenden wie bedrückendem biografischen Buch „Erinnerungen“ über ihre Ankunft als Jugendliche in Auschwitz, ihrer Zeit im Mädchenorchester dort, bis hin zu Flucht und Befreiung. „Ich habe viel Glück in meinem Leben gehabt, ein ganz großes Glück, ein unheimliches Glück.“ Dies schreibt eine Frau von sich, deren Eltern und Schwester von den Nationalsozialisten umgebracht wurden, die selbst die unfassliche Grausamkeit des Vernichtungslagers Auschwitz er- und überlebt hat. Besucher haben Tränen in den Augen.

Seit mehr als 30 Jahren ist sie eine Kämpferin gegen das Vergessen, die ihre Geschichte immer wieder erzählt und mit den Mitteln der Musik leidenschaftlich gegen jede Art von Intoleranz angeht. Respektvoller, ehrlicher Applaus brandet ihr entgegen. Dann stoßen Rapper und DJ Kutlu Yurtseven und Gitarrist Joram Bejarano, ihr Sohn, zu ihr.

Im zehnten Jubiläumsjahr steht die Microphone Mafia („Die einzige Mafia, die die Welt braucht“) zusammen mit Esther Bejarano nun auf der Bühne und gibt Konzert um Konzert, hat zwei Alben veröffentlicht. Und sieht es als Ehre, sich mit Bejarano gemeinsam „an den Nazis zu rächen“. Allein dadurch, dass Esther Bejarano tanzt. Ein breites Repertoire aus internationalen Widerstands-, Arbeiter- und Volksliedern (Avanti Popolo, Wir leben ewig,). Auf Deutsch, Italienisch, Türkisch und Jiddisch werden hier neu mit Beats und Breaks eingekleidet, an der Gitarre unterstützt und von Yurtseven und Bejarano aus voller Seele gesungen. Das Publikum singt Refrains mit (Bejarano: „Ich bin stolz auf Euch!“). Und die anfangs durch die Worte über Tod und Elend bestimmte Atmosphäre weicht einem wunderbaren Miteinander. Yurtseven schweift mit seinen Anekdoten zwischen den Songs vielleicht mal ab, macht es aber mit seinem kölschen Charme wieder wett, er macht Scherze mit „Mutti“, die ihn jetzt offiziell „eingeenkelt“ hat und mit Joram, der anfangs mit Rap gar nichts anfangen konnte. Aber auch ernst kann er sein, wenn es um die Flüchtlingsdebatte geht: „Wenn Europäer nicht nach Afrika gegangen wären, dann müssten Afrikaner heute nicht nach Europa fliehen. Unser Lebensstil ist deren Fluchtursache.“

So verbreitet dieses Trio die wichtige Botschaft des Zusammenhalts über Haut- oder Haarfarben hinweg, erreicht durch ihren locker urbanen Stil jedes Alter und erfüllt eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe: Erinnern, aber nicht in Trauer verharren, sondern voller Lebensmut und offenen Herzens weitergehen. Ein Tänzchen einer starken Frau, die inspiriert. Der Applaus will nicht enden.

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