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Ausstellung

24.01.2019

Der dunkle Sog des Ungewissen

Malerei oder Zeichnung? Es spielt keine Rolle: Die Bilder des Dresdners Andrey Klassens im Kunstverein Ulm sind absolut sehenswert.
Bild: Florian L. Arnold

Andrey Klassen erweist sich im Kunstverein Ulm als virtuoser Erzähler auf Papier

Wie oft wurde die Zeichnung von der Kritik und dem Kunstmarkt totgesagt und wieder zur Mode erklärt. Und wie oft musste auch die Malerei ihr Todesurteil erleben, derweil die Besten ihrer Zunft täglich das Gegenteil bewiesen. Die Frage von Zuordnungen zu einer Technik, einem bestimmten Stil oder bestimmte Regeln hat ganze Künstlerkarrieren bestimmt – und dem Betrachter doch nicht weitergeholfen. Betrachtet man die großformatigen Motive Andrey Klassens, die jetzt im Kunstverein Ulm zu sehen sind, dann sollte man vorsichtig umgehen mit jeder Art von Zuschreibung.

Denn obwohl Klassen Elemente der Zeichnung in seine Werke einbindet – und das ganz ausgezeichnet –, werden die monochromen Bilder dennoch als Malerei apostrophiert. Und auch dies sollte mit Vorsicht genossen werden, wobei hier betont werden muss: genossen. Denn ob die mit Tusche auf Papierbögen realisierten Motive nun Malerei sind oder Zeichnung oder einfach eine raffinierte Melange vieler Techniken, ist für den Eindruck nahezu zweitrangig. Vorrangig sind die ungeheure Motivdichte und die massive Präsenz von erzählerischen Elementen, in denen man sich schon mal als Beobachter verlieren kann. Dass der 1984 im russischen Irkutsk geborene und seit vielen Jahren in Dresden lebende Künstler sowohl die Mythen- und Märchenliebe seines Geburtslandes als auch die stärksten Momente der Populärkultur einzubinden weiß, ist keinerlei Nachteil. Vielmehr scheint Klassen manchmal fast selbst überfahren von der Fülle an Ideen, Einfällen, Kreuzverweisen und Meta-Ebenen, die aus dem Schnürboden seiner Fantasie ausbrechen. Dass er zitiert, weist Klassen von sich. Dass er hingegen seinen „Perfektionismuswahn“ sowohl als Antrieb wie auch gelegentlich als Hindernis empfindet, nimmt man dem jungen Künstler sofort ab. Der „Enthusiast“ scheint direkt dem Teufelssabbath aus Bulgakows „Meister und Margarita“ entnommen, und dass unter den Gästen auch Batman und Pinocchio sind, verwundert gar nicht.

So sollte man nicht übersehen, dass dies zwar gelegentlich „dunkle“, aber nicht „düstere“ Bilder im Sinne einer negativistischen Weltschau sind. Der Humor, der in jedem Bild vorhanden ist, nimmt mal eine Kehre ins Groteske oder Absurde, verbündet sich an anderer Stelle aber auch mit einer sehr angenehmen Ironie. Da ist diese enorme, helle Leere in der „Helden-Bar“. Eine Bar, verwüstet nach einer offensichtlich sehr belebten Nacht, taghell erleuchtet – und alle Helden sind fort. Die Darsteller, erklärt Klassen mit Schalk im Blick, sind abgewandert in ein anderes Bild. In „Ruhe, Kraft, Weisheit und Trägheit“ treibt ein Langboot mit vier Gestalten über einem tiefen Fluss voller Kreaturen – und man fühlt sich an vieles erinnert, an den klassischen Dschungel-Abenteuerfilm, an den Fährmann Charon, der die Seelen der Verstorbenen über den Fluss Styx führt.

Überhaupt tauchen in Klassens Bildern gerne die Schnittpunkte von Leben und Tod, Mythos und Alltag auf. Spiritisten sitzen in einem Geisternebel, fast comichaft-süße Kinder tasten sich durch ein düsteres Labyrinth, das aussieht, als habe Tim Burton Disneys „Fantasia“ in Giovanni Piranesis endlose Labyrinthe versetzt. Und gelegentlich scheinen Goya, Kubin oder Ensor Pate gestanden zu haben für Klassens fantastische Welten. Stil? Technik? Aus Tusche und Papier erschafft Klassen eine wunderbar vieldimensionale Fantastik, die Ecken und Kanten hat und sich absetzt von allem Gewöhnlichen.

Die Ausstellung im Schuhhaussaal ist bis zum 3. März zu sehen.

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