Literatur

19.09.2019

Der große Graben

Anke Stelling stellte ihren aktuellen Roman im Roxy vor.
Bild: Marcus Golling

Anke Stelling liest im Roxy aus ihrem Roman „Schäfchen im Trockenen“, der von Klassenunterschieden im Kiez-Idyll erzählt

Die wichtigste Lektion lernt die Erzählerin Resi zu spät, um ihr eigenes Leben an ihr ausrichten zu können: Seine Schäfchen ins Trockene bringt nicht der, der sich mit dem Schäferhund anfreundet, sondern der, der Stall und Land besitzt. Anke Stellings im Frühjahr mit dem renommierten Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneter Roman „Schäfchen im Trockenen“ behandelt ein Thema, das man in der deutschen Gegenwartsliteratur kaum mehr findet, weil es manchen zu unbequem ist, anderen verstaubt sozialdemokratisch erscheint: Es geht um Klassenunterschiede in der Gesellschaft.

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Nun war die Autorin, geboren in Ulm, im Roxy zu Gast. Ein Heimspiel war der Auftritt vor rund 50 Besuchern im Studio aber nicht. „Mit Ulm habe ich leider nicht so viel zu tun“, gestand die 47-Jährige. Sie sei „mit einem Jahr schon weggezogen – worden, von meinen Eltern“. Stelling wuchs in Stuttgart auf und zog später nach Berlin, genau wie die Protagonistin von „Schäfchen im Trockenen“ und ihre Freunde.

Letztere wollen in dem 2018 im Verbrecher Verlag veröffentlichten Roman allerdings gar nicht mehr Resis Freunde sein, und das liegt auch an jenen Privilegien, die vor dem Hintergrund des Immobilien- und Mietmarkts in Berlin plötzlich offenkundig werden. Denn Resi, die mit ihrem Mann vier Kinder hat und als Schriftstellerin arbeitet, kann es sich nicht leisten, mit den wohlhabenderen Bekannten eine Baugruppe zu gründen. Als sie später für ein Magazin einen Artikel über den Baugruppen-Boom am Prenzlauer Berg schreibt, in dem sie auch ihren Neid auf die betuchteren Freunde mit ihren Kücheninseln und begehbaren Kleiderschränken schildert, tut sich die Kluft auf. Resi muss erkennen, dass es mit der Gleichheit und der Selbstverwirklichung nicht so weit her ist, wenn man selber finanziell kaum über die Runden kommt, die anderen aber altes Geld im Hintergrund haben. Hinter der Fassade des neuen Kiez-Biedermeiers steckt die Bürgerlichkeit der Eltern und Großeltern, die aber lieber unentdeckt bleiben will.

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Die Passage, die Stelling aus ihrem Roman liest, sind ernste Beschreibungen des Lebens von Großstädtern in den Vierzigern – und identifizieren eine wichtige Bruchstelle in der Gesellschaft, die derzeit angesichts explodierender Mieten und Wohnungspreise zu einem Graben zu werden droht. Aber auch bitterer Humor steckt im Text, etwa wenn die aus einfachen Verhältnissen stammende Resi als Teenager der großbürgerlichen Großmutter ihres Freundes Ulf erzählt, dass sie in der Emil-Nolde-Straße wohnt. „Emil Nolde war ein Günstling meines Mannes“, sagt die Oma kühl.

Resi verliert ihre Freunde, weil sie über sie schreibt: Besteht diese Gefahr nicht auch für Stelling, wollen die Zuhörer wissen. Die bejaht. Das sei ein Berufsrisiko, wenn man Gegenwartsliteratur mache, so die Autorin. Aber man müsse Risiken eingehen für sich selbst. Im Fall von „Schäfchen im Trockenen“ sei sie mit dem Ergebnis jedenfalls ganz zufrieden, sagt Stelling und lächelt. Sie kann es auch sein: Mit diesem Buch hat sie sich endgültig in der ersten Liga der deutschen Literatur etabliert. (mgo)

Heute, Donnerstag, steht im Roxy Musik vom Balkan auf dem Programm: Es spielt das Boban Markovic Orkestar. Beginn ist um 19.30 Uhr.

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