Porträt

03.12.2015

Der verspielte Tenor

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3 Bilder
Starke Charakterdarstellung: Hans-Günther Dotzauer in der Titelrolle von Benjamin Brittens „Peter Grimes“.

Hans-Günther Dotzauer ist seit mehr als 30 Jahren am Theater Ulm engagiert – so lang wie kein anderes Ensemblemitglied. Das hat er vor allem einer besonderen Fähigkeit zu verdanken

Die Fotos in der Garderobe von Hans-Günther Dotzauer zeigen viele Gesichter – doch alle gehören sie demselben Menschen. Wahrscheinlich kein anderes Ensemblemitglied hat sich im Theater Ulm so oft verwandelt wie der nunmehr 62-Jährige, der eine ungewöhnliche Karriere in der Münsterstadt gemacht hat: Seit mehr als 30 Jahren steht der Tenor auf der Ulmer Bühne, er hat unter vier Intendanten gearbeitet, in mehr als 200 Opern gesungen – und die hellen und dunklen Seiten der Arbeit am Theater kennengelernt.

In der normalen Berufswelt sind 30 Jahre eine lange Zeit, auf der Bühne sind sie eine Ewigkeit: Dort herrscht eine Fluktuation wie im Profifußball. Kollegen suchen nach neuen Herausforderungen, Verträge werden nicht verlängert – und mit jedem Intendantenwechsel endet automatisch die Karriere vieler Ensemblemitglieder. Dotzauer hat alle Unwägbarkeiten überstanden. Auch 1991, als Generalmusikdirektorin Alicja Mounk bei ihrem Amtsantritt praktisch das gesamte Gesangsensemble vor die Tür setzte, durfte er bleiben. Weil er nicht nur singen, sondern auch spielen kann. Eine Fähigkeit, die nicht jedem Opernsänger gegeben ist.

Bei Dotzauer, der in Offenhausen lebt und seit 2001 den vom Land Baden-Württemberg verliehenen Ehrentitel „Kammersänger“ führen darf, ist „Spieltenor“ eben nicht nur das Stimmfach, für das er ursprünglich engagiert wurde, sondern tatsächliche Begeisterung für das Verwandeln auf der Bühne. Diese kann er derzeit in „Turandot“ zeigen, wo er gleich zwei Partien singt: den Marschall Pang und den greisen Kaiser von China. Seine Vielseitigkeit bewies beispielsweise er aber auch in der vergangenen Spielzeit, als er in der Sprechrolle des Barons Zeta in „Die lustige Witwe“ zum Kasper machte – und später in der tragischen Titelrolle von „Peter Grimes“ glänzte. „Das war ein Highlight für mich“, blickt Dotzauer auf die Britten-Oper zurück.

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Dass aus ihm ein professioneller Sänger werden würde, war lange nicht klar. Bevor er seine Gesangsausbildung an der Hochschule der Künste Berlin antrat, absolvierte er eine Ausbildung zum Koch und Konditor – seine Eltern führten ein Restaurant. Damals hieß er noch Müller, so wie auch zu Beginn seiner Karriere am Ulmer Theater. Doch warum der Namenswechsel? „Als ich geheiratet habe, wollte meine Frau nicht Müller heißen“, erzählt der Sänger und grinst. So wurde aus ihm Hans-Günther Müller-Dotzauer – und später, der Einfachheit halber, Hans-Günther Dotzauer.

Neben tollen Rollen hat er in Ulm aber auch Episoden erlebt, die weniger angenehm waren: etwa einen Bänderriss auf der Bühne – oder ein Stimmversagen mitten in einer Aufführung von Ligetis „Grand Macabre“. „Von einen Moment auf den nächsten konnte ich nicht mehr richtig singen“, erinnert er sich. Mit Mühe und Not habe er sich damals bis zum Schluss durchmogeln können. Danach folgten sechs Wochen Pause, in denen er lange nicht wusste, ob er jemals wieder auf demselben Niveau singen können würde. „Das war furchtbar.“

Solche Erlebnisse waren es wohl auch, die ihm Bescheidenheit gelehrt haben: Dotzauer ist ein Sänger, der sein Können gut einschätzen kann, aber eben auch seine Grenzen; der Gesang nicht nur als Mittel zur Selbstverwirklichung, sondern als normalen Beruf versteht. Eben das rät er auch jüngeren Sängern. „Es gibt immer Stücke, bei denen man mehr kämpfen muss.“ Und solche, mit denen man einfach nicht warm werde. Bei Dotzauer war dies etwa Leo Janáceks „Die Sache Makropoulos“. Mit den jüngeren Kollegen tauschen möchte Dotzauer ohnehin nicht. Durch die geschrumpften Ensembles hätten Sänger heute weniger Chancen, sich zu entwickeln, jede kleine Krise oder Schwäche bedeute inzwischen oft das Ende des Engagements. Harte Realität in Zeiten knapper Budgets.

Dotzauers eigene Karriere neigt sich dem Ende zu. Zwei Spielzeiten noch, dann winkt der Ruhestand. Sein Wunsch, den Mime in Wagners „Siegfried“ zu singen, wird sich wohl nicht mehr erfüllen. Aber der Bühne Adieu sagen und sich nur noch seinen Hobbys Fotografie und Kochen widmen, will er auch als Rentner nicht. „Ganz aufhören, das kann ich mir nicht vorstellen.“ Für Gastrollen, hofft der Tenor, werde er weiterhin zur Verfügung stehen. Es müsse nicht die Oper sein: Denn das Spielen mache ihm ebenso viel Spaß wie das Singen.

Wieder auf der Bühne ist Hans-Günther Dotzauer am Samstag, 5. Dezember, um 19 Uhr zu sehen – bei „Turandot“ im Großen Haus.

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