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Konzert

23.05.2015

Des Grafen letzter Tanz

Ich bringe euch Liebe: Der Graf und seine Band Unheilig boten ihren Fans in Neu-Ulm eine bunte Show und viel Herzerwärmendes.
Bild: Alexander Kaya

Unheilig ernten bei ihrer Abschiedsshow in der Arena Jubel und Applaus. Trotz einer Überdosis Alpenglühen

Ein alter Graf ist doch kein D-Zug! Während am Anfang des Konzerts die Dampflok auf der Bühne noch fröhlich zum Gipfelsturm schnaufte, geht dem Sänger allmählich die Puste aus. „Könnt ihr noch“, fragt er in die ausverkaufte Arena. 5500 plärren „Ja“. Der Graf, dem das nasse Hemd am Körper klebt, hakt nach: „Wirklich?“, und schnauft noch einmal durch, vielleicht ein bisschen theatralisch. Denn natürlich geht da noch was. Eine Familienshow dauert schließlich mindestens 90 Minuten.

Genau das ist es, was Unheilig, die Band des Mannes mit dem adeligen Pseudonym, derzeit durch die Mehrzweckhallen schickt: ein Unterhaltungsprogramm für alle Generationen, ein bisschen wie eine Attraktion im Freizeitpark. Und nein, es ist nicht mehr die Geisterbahn, die sich da öffnet. Der dreieckige Goten-Bart ist ab beim Chef, und Unheilig, früher mal „Neue Deutsche Härte“, sind musikalisch im Streichelzoo gelandet. Würde nicht Licky Termühlen mit seiner Gitarre manchmal dazwischenhauen: Hartmut Engler oder gar Helene Fischer könnten bald Graf anstelle des Grafen werden. Schließlich soll das jüngste Unheilig-Album das letzte sein. Live zieht sich die Abschiedszeremonie aber noch ein wenig hin. Denn nach der „Gipfelstürmer“-Tour folgt ab Herbst eine „echte“ Abschiedstournee und am 10. September 2016 (!) ein großes Abschiedskonzert. Die Scorpions lassen grüßen.

Die Ratiopharm-Arena steht bis dahin aber nicht mehr auf dem Kalender, und entsprechend gehören Abschiedsschmerz und Dankbarkeit zur Show. Fassungslos wendet Der Graf immer wieder den Blick in die Halle, wie in Trance scheint er sich den Schweiß vom Gesicht zu wischen, so, dass es alle sehen können. Vielleicht ist es Demut, ein bisschen Schauspielerei ist aber allemal dabei. Der Mann ist ein Sympathieträger für Jung und Alt – und ein Profi-Entertainer. In Neu-Ulm entdeckt er in der ersten Reihe die kleine Franziska. Wie alt sie sei? Acht. Mit wem sie gekommen sei? Mit ihrer Mama und der Oma. „Ich finde, dass die Omis und die Mamas die Besten sind“, schmeichelt der Graf. Applaus von den Omis und Mamas.

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Ach natürlich, die Musik. Die stammt vor allem zu Beginn des Konzerts von „Gipfelstürmer“, entsprechend alpin geht es auf den Videowänden (Der Graf beim Bergwandern) und in den Texten (Der Graf beim Metaphernsammeln) zu: Kein Berg bleibt unerklommen, kein Gipfel unerreicht, kein Traum ungeträumt. Unheilig verstehen es, mit einfachsten Bildern die Gefühlswelt ganz normaler Menschen zu triggern, was sich allerdings manchmal so anhört, als würde Der Graf einen noch ungeschriebenen Band mit Bergsteiger-Lyrik von Paulo Coelho ins Mikrofon raunen: „Wir gehen hinaus in die Welt / Wir gehen auf große Reise / Tragen die Heimat im Herzen / Von Kontinent zu Kontinent / Über die Berge, über das Meer / Bis ans Ende der Welt.“ Unheilig-Songs sind ein Parcours von Signalwörtern aus dem Lyrik-Lexikon, in dem selbst Plattitüden wie „Morgenstund hat Gold im Mund“ als „Weisheiten des Lebens“ verklärt werden. Es ist ein warmes Gefühl von Heimat und stillem Glück, mit dem Der Graf seine Fans ummantelt. „Oh, wie ist das schön“ danken die es von den Rängen. Der Graf ist gerührt. Aber irgendwie muss es ja bald ohne ihn gehen. Er hat dann genug Zeit zum Durchatmen. Puh.

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nuz.de/bilder

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