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Roggenburg

26.08.2019

Diademus startet furios mit Mozart und Haydn

Christian Weiherer (am Hammerklavier) leitete das Kammerorchester Concerto 99 im Innenhof des Roggenburger Klosters.
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Christian Weiherer (am Hammerklavier) leitete das Kammerorchester Concerto 99 im Innenhof des Roggenburger Klosters.
Bild: Dagmar Hub

Beim Eröffnungskonzert mit Concerto 99 im Innenhof des Klosters Roggenburg kommt der Spaß nicht zu kurz

Kurz vor 16 Uhr hatte es der Wetterbericht auf dem Handy bereits donnern lassen. Aber Benno Schachtner, Intendant des Roggenburger Diademus-Festivals, blieb überzeugt: Der Auftakt der vierten Ausgabe des Festivals, das Roggenburg einen Platz in den Herzen vieler Musikfans aus der Region und aus ganz Süddeutschland sichert, würde draußen stattfinden. Schachtners Ruhe zahlte sich aus. Der Himmel hielt dicht und das Publikum wie auch die Musiker von Concerto 99 samt Peter Bieringer, dem ersten Artist in Residence des Festivals, hatten im Innenhof des Klosters ihre reine Freude am Einfallsreichtum von Komponisten der Wiener Klassik.

Ein bisschen verrückt muss man sein, sagt Schachtner. Halt, nein – „ver-rückt“. Denn sonst könnte man als Musiker nicht so etwas der Welt Entrücktes und Entrückendes wie Musik schaffen. Den Umstand, dass auch Komponisten der Wiener Klassik bisweilen ein ganzes Stück entfernt von gesellschaftlichen Normen waren, rückte Schachtner in den Mittelpunkt des Auftaktkonzerts – umrahmt von der großartigen Vorlesekunst des Profi-Sprechers Bieringer, der mit ausgeprägter Mimik aus Briefen Mozarts und seines Vaters und aus einer Erzählung von E. T. A. Hoffmann las.

Wolfgang Amadeus Mozart machte sich über weniger begabte Kollegen lustig

Wie überraschend Wolfgang Amadeus Mozarts zum Auftakt gespielte Symphonie Nr. 1 in Es-Dur klingt! Man mag es kaum glauben, was Bieringer aus einem Brief von Mozarts Vater Leopold aus dem Spätherbst 1764 vorliest – aus jener Zeit, als der gebürtige Augsburger und seine beiden Kinder Wolfgang und Nannerl ihre (vermutliche) Typhuserkrankung überstanden hatten, die sie in London in Lebensgefahr gebracht hatte. Acht Jahre alt war der kleine Wolfgang, als er das Werk komponierte, während der Vater schwer krank darniederlag.

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Wahrscheinlich kannte Mozart viele Komponisten und Musiker, die er als Dilettanten eingestuft hätte. Sein dreisätziges Sextett „Ein musikalischer Spaß“ dürfte denn auch als Persiflage auf solche Kollegen gemeint gewesen sein, denen es an Kreativität und technischer Fertigkeit mangelte – entsprechend bewusst grob ist es komponiert. Die Musiker des Concerto 99 unter der Leitung von Christian Weiherer am Hammerklavier hatten sichtbar ihre Freude an der Aufführung des Ohrenreißers, der Bieringer in seinem Strandkorb zum Umkippen brachte und den Zuhörern die Zehennägel in den Sandalen bog – derart schief ließen Weiherers Musiker die Töne harmonischer Scherze für kurze Momente an den Nerven zerren.

In Roggenburg verlassen die Musiker einfach die Bühne

Überraschend ernsthaft und eindringlich präsentierte sich dagegen Joseph Haydns 1772 entstandene „Abschiedssinfonie“ nach den musikalischen Späßen – bis zum Schlusssatz, jenem geheimnisumwitterten Adagio, bei dem die Musiker nach und nach einfach zu spielen aufhören und zum Amüsement und zur Irritation des Publikums die Bühne verlassen. Dazu gibt es mehrere Theorien und Anekdoten. Ob eine davon richtig ist (und wenn ja, welche), ist ungeklärt. Gesichert ist nur: Im Autograf Haydns steht die Anweisung an die Musiker zum Verlassen ihrer Plätze nicht, nur in Kopien – aber kaum ein musikalischer Spaß liefert natürlich derart viel Stoff für Interpretationen, weil das Geschehen so unerhört ist.

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So auch im Innenhof von Kloster Roggenburg, wo aufkommende Windstöße das Ihre zur Stimmung taten und die ersten Notenblätter von den Notenständern wehten: Nach und nach verlassen zunächst die Bläser vor dem staunenden Publikum ihre Plätze. Der Mann am Kontrabass packt ein, der Cellist. Christian Weiherer selbst geht von der Bühne, bis am Ende einzig zwei Violinen den Satz beenden.

Jede Menge Applaus und Rosen dankten den Musikern des Concerto 99 für einen furiosen Festival-Auftakt.

Am Freitag, 30. August, geht das zweite Konzert des Diademus-Festivals über die Bühne. „Nachtaktiv“ hat in diesem Jahr zwei Aufführungsorte: Um 19 Uhr ranken sich auf der Tenne des Klosters Kompositionen um Mörder, Ganoven und Gauner. Um 21 Uhr schließt sich im Bibliothekssaal ein Liederabend über Genie und Wahnsinn an. Karten gibt es unter anderem hier.

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