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Burlafingen

12.05.2018

Die Gesichter des Milliardenreichs

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2 Bilder
Viele Gesichter, aber nur eine Frau: Der Künstler Xu Yong fotografierte eine Prostituierte nach den Treffen mit ihren Freiern. Für jeden machte sich die Sexarbeiterin so zurecht, wie es der Kunde wünschte. Auch das ist gesellschaftliche Realität in China.
Bild: Roland Furthmair

Die Walther Collection zeigt mit „Life and Dreams“ chinesische Fotografie und Videokunst aus den eigenen Beständen. In den Arbeiten werden die dramatischen Umbrüche in dem Land spürbar.

Für Artur Walther war die erste Begegnung mit dem Land China und seinen Fotokünstlern in den 1990ern ein Erlebnis, von dem er bis heute schwärmt: „Man wusste, es passiert etwas ganz Wichtiges in der Geschichte und Kunstgeschichte“, erinnert er sich, „es war ganz klar ein Neubeginn.“ Ein Neubeginn, der so kraftvoll war, dass Walther nicht anders konnte: Er erwarb Werke einiger wichtiger Künstler dieser Zeit, sie wurden der Grundstock für den asiatischen Teil seiner längst weltweit bekannten Sammlung. Jetzt, rund 20 Jahre später, stehen sie im Zentrum von „Life and Dreams“ – der ersten großen Ausstellung von chinesischer Fotografie und Videokunst in der Walther Collection.

Einzelarbeiten und ganze Serien von 44 Künstlern, darunter so bekannte Namen wie Ai Weiwei oder Zhang Huan, sind in der über alle drei Gebäude des Kunstkomplexes verteilten und überaus sehenswerten Schau vertreten, wobei dem bewegten Bild eine wichtigere Rolle zukommt als bei den bisherigen, zumeist Afrika gewidmeten Präsentationen. Kuratiert wurde „Life and Dreams“ von Christopher Phillips aus New York, einem der führenden Experten auf dem Gebiet, der Walther auch schon mehrfach nach China begleitete, auch, als dieser für die Ausstellung einige Lücken in seiner Sammlung schloss.

Für diese Zeit der Öffnung, Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre, stehen gleich zu Beginn der Ausstellung im „Weißen Kubus“ die Arbeiten des Kollektivs „East Village Beijing“, das sich durch seine Performances einen Namen machte, vor allem durch solche, in denen Nacktheit eine zentrale Rolle spielte. Was in China neu war: „Die Idee, dass der menschliche Körper an sich etwas Schönes sein kann, gab es in dieser Kultur nicht“, erklärt Kurator Phillips. Das gesellschaftskritische Projekt ging freilich nicht lange gut: Die Behörden stoppten die kreative Gemeinschaft. Von Kunstfreiheit kann in dem Milliardenreich keine Rede sein.

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Wohl vor allem deshalb kommentieren viele chinesische Künstler ihre Werke kaum oder gar nicht, so wie Ai Weiwei, der seine berühmte und schon vorher in der Walther Collection gezeigte dreiteilige Arbeit „Dropping a Han Dynasty Urn“ nie erklärte. Ist das emotionslose Zerdeppern einer historischen Vase ein Abschließen mit der nationalen Kunstgeschichte oder ein Kommentar zur rücksichtslosen Vernichtung des kulturellen Erbes in China? Für letztere These sprechen die vielen anderen Arbeiten, welche die dramatische Verwandlung der chinesischen Städte zeigen. Besonders eindrucksvoll bei Zhang Dali, der zum Abriss freigegebene Gebäude in seiner Heimatstadt Peking mit der aufgesprühten Silhouette eines Kopfes markierte: stille Zeugen des Wandels, selbst zum Verschwinden verurteilt und nur auf Fotos für die Nachwelt dokumentiert. Um die Jahrtausendwende, erinnert sich Phillips, waren diese Köpfe überall in Peking zu sehen.

Im „Schwarzen Haus“ der Walther Collection drehen sich die gezeigten Arbeiten um die politische Vergangenheit und Gegenwart Chinas, etwa Mo Yis ab 2014 entstandene Installation „5.16 Notice“. Sie erinnert an einen heute totgeschwiegenen Erlass der Kommunistischen Partei vom 16. Mai 1966, der die Kulturrevolution auslöste – und damit den Tod von geschätzt etwa 400000 Menschen. Mo Yi zeigt 49 Fotografien aus dieser Zeit, jeweils überpinselt mit dem genannten Datum. Er will sie weiterführen, bis sich die Partei für die Kulturrevolution entschuldigt. Was, so befürchtet Kurator Phillips, wohl nie passieren wird.

Die Zeit der Öffnung ist in China längst wieder vorbei. Umgekehrt hat der Kapitalismus in der Gesellschaft seine Spuren hinterlassen. Das spürt man auch in der Kunst aus dem Land, findet Sammler Artur Walther: „Die Härte ist weg, der Wille, das Existenzielle. Vieles ist abgeflacht.“ Gleichzeitig sei die Offenheit, die Bereitschaft sich zu präsentieren, zurückgegangen. Aus den experimentierfreudigen Freigeistern der 90er Jahre sind international erfolgreiche Kunstunternehmer geworden, die teils in gewaltigen Ateliers residierten und dutzende Mitarbeiter beschäftigten. Der Kunstmarkt hat China schon lange entdeckt und spült Geld in die Kassen der etablierten Köpfe. „Aber bei den jungen Leuten, da ist das wieder ganz anders“, sagt Walther, und die Begeisterung, mit der er von seinen Entdeckungen der 1990er Jahre erzählt, kehrt zurück.

Für diese neue Generation chinesischer Künstler steht im „Grünen Haus“, wo die Ausstellung „Life and Dreams“ endet, die Videoarbeit „Delusional Mandala“ der Künstlerin Lu Yang: ein computeranimierter Ritt durch die Zwischenzone zwischen Religion und Medizin, zwischen Individualität und Virtualität, in dem sich nicht nur innerchinesische Verhältnisse, sondern globale Themen widerspiegeln. Bunt, wild, popkulturell informiert, zeitgemäß. Der Blick auf Fotografie und Videokunst aus China lohnt sich – immer noch und wieder. „Life and Dreams“ ist ein facettenreicher und hochkarätiger Überblick, der auch großen Museen gut zu Gesicht stehen würde. Und schließt damit nahtlos an die Ausstellungen der vergangenen Jahre an.

Die Ausstellung startet am Sonntag, 13. Mai. Um 11.30 Uhr sprechen zur Begrüßung Sammler Artur Walther und Kurator Christopher Phillips, danach gibt es bis 17 Uhr Führungen durch alle drei Gebäude. Der Eintritt ist frei. Zu „Life and Dreams“ ist ein gleichnamiger Band (384 Seiten, 642 Abbildungen) bei Steidl erschienen. Das Buch ist in Burlafingen erhältlich.

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