Ulm

17.03.2017

Die Gewalt nimmt zu

Im Zuständigkeitsbereich der Staatsanwaltschaft Ulm nehmen vorsätzliche Körperverletzungen seit Jahren zu.

Staatsanwaltschaft beklagt eine Zunahme von vorsätzlichen Körperverletzungen. Warum Region dennoch als sehr sicher gilt und was der Behörde sonst noch auf den Nägeln brennt.

Die Fälle vorsätzlicher Körperverletzungen haben im vergangenen Jahr im Bezirk der Ulmer Staatsanwaltschaft zugenommen. Wie der leitende Oberstaatsanwalt, Christof Lehr, bei der Jahrespressekonferenz der Behörde für Strafverfolgung darlegte, wurden im vergangenen Jahr 2394 Delikte aus dem Alb-Donau-Kreis, dem Kreis Göppingen und der Stadt Ulm verhandelt. Verglichen mit dem Vorjahr (2179 Fälle) eine deutliche Steigerung. Schon seit 2013 (1943) verzeichnet die Staatsanwaltschaft hier einen stetigen Anstieg. Eine schlüssige Erklärung hat Lehr dafür nicht: „Wir spüren keine veränderte Problemlage. Es gibt keine Brennpunkte.“ Was besonders erstaunt: Im Gegensatz zu den Ulmer Zahlen sind Gewaltdelikte in Baden-Württemberg seit Jahren rückläufig. „Auch wenn Teile der Bevölkerung das anders wahrnehmen mag“, so Lehr.

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In diesem Zusammenhang betont Lehr, dass Asylbewerber hier – auch im Gegensatz zu so manch im Internet verbreiteten „Fake-News“ – keinerlei Anteil an dem Anstieg haben. Im Zuständigkeitsbereich der Ulmer Staatsanwaltschaft gingen bei dieser Bevölkerungsgruppe lediglich vier Anzeigen ein. Und alle Gewalttaten spielten sich innerhalb der beengten Verhältnisse von Gemeinschaftsunterkünften ab. Lehr stellt klar: „Wir leben in einer sehr sicheren Region.“ Im Zuständigkeitsbereich gebe es nach neusten vorliegenden Zahlen 5761 Straftaten pro 100 000 Einwohner.

Damit liegt die Region unter dem Landes- (5562) und Bundesschnitt (7797). Wie überall in Deutschland, werden in Städten weit mehr Straftaten als auf dem Land verübt. Die Stadt Ulm liegt mit 9027 angezeigten Delikten aber ebenfalls gut im Rennen. In Freiburg beispielsweise waren es über 13000 Straftaten pro 100000 Einwohner. Gut 9000 der insgesamt 22000 Straftaten waren Vermögensdelikte wie Diebstahl oder Betrug.

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Vergleichsweise ruhig geworden ist es mit Delikten von rocherähnlichen Gruppierungen. Doch wie Oberstaatsanwalt Stefan Adamski betonte, müsse das nicht so bleiben. Nach wie vor gebe es rund um Ulm eine auffällige Häufung von verschiedensten Gruppierungen. Möglich sei, dass sich durch eine Reihe von Verhaftungen in den vergangenen Jahren derzeit neue Führungsstrukturen bilden. Dass sich die Szene nicht beruhigt hat, zeigte im Juli inmitten des Schwörmontagstrubels der Angriff einer 15-köpfigen Gruppe junger Männer auf einen türkischen Schnellimbiss im Hafenbad. Inzwischen erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen acht türkischstämmige mutmaßliche Bandenmitglieder im Alter zwischen 22 und 31 Jahren. Sie wirft den Männern gemeinschaftlichen Landfriedensbruch und gefährliche Körperverletzung vor. Eine zur Tatzeit im Schnellimbiss verweilende Frau erlitt eine posttraumatische Belastungsstörung, ein Mann wurde von einer Flasche am Kopf getroffen.

Die einzigen zwei Tötungsdelikte des vergangenen Jahres spielten sich im Kreis Göppingen und dem Alb-Donau-Kreis ab. Fall 1: In Donzdorf stach im April ein 37-Jähriger auf seine ehemalige Lebensgefährtin vor den Augen ihrer Kinder 23 Mal mit dem Küchenmesser ein. Die schwangere Frau starb noch an Ort und Stelle. Fall 2: Ein 42-jähriger Mann steht im dringenden Verdacht am 13. Juli, seinen sechsjährigen Sohn beim Versuch sich selbst das Leben zu nehmen, im Rahmen eines erweiterten Suizids getötet zu haben. Er soll dabei einen Holzkohlegrill im Schlafzimmer seiner Wohnung entzündet haben, sodass sowohl er als auch sein Sohn an einer Kohlenmonoxidvergiftung sterben sollten. Nur der Mann überlebte und wurde zum Pflegefall. Die Begutachtung im Hinblick und Schuld- und Verhandlungsfähigkeit dauert an.

Schlagzeilen machte auch der Fall eines 19-jährigen jugendlichen Intensivtäters, der erst im März 2016 nach mehrjähriger verbüßter Haftstrafe entlassen wurde und bereits im Juni aus banalem Grund einem Kontrahenten in Ulm mit einem Messer lebensgefährliche Verletzungen zufügte. Seit Jahren beschäftigen die Staatsanwaltschaft solche jugendliche Intensivtäter mehr, als ihnen lieb sein kann. Derzeit sind allein in Ulm 15 junge Männer zwischen 14 und 21 Jahre in dieser Kategorie eingestuft. Das heißt, sie haben alle 20 oder mehr Straftaten oder fünf Gewaltdelikte begangen. Im gesamten Zuständigkeitsbereich der Staatsanwaltschaft sind 29 Intensivtäter und elf „Schwellentäter“ (mit fast 20 Straftaten auf dem Kerbholz) bekannt. Die Zahl ist jedoch konstant.

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