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Neu-Ulm

09.02.2020

Die Kelly Family kehrt zurück nach Neu-Ulm

Der Inbegriff der 1990er-Jahre, die Kelly-Family tourt wieder.
Bild: Felix Oechsler

Die Kelly Family nimmt ihr Publikum in Neu-Ulm mit auf eine Zeitreise in die 90er-Jahre. Die Geschwister füllen noch immer Konzerthallen.

Die Blumenkinder von damals, sie tragen heute blinkende, batteriebetriebene Blütenkränze im Haar. Im Dunkel der Arena schwenken sie auch keine Feuerzeuge im Takt der Songs, sondern Handytaschenlampen. Trotzdem: Es sieht so aus, es fühlt und hört sich so an, als wäre man aus einem 25-jährigen Dornröschenschlaf erwacht – und gar nichts hat sich verändert. Die innere Uhr steht auf 1995. Massen sind zur Ratiopharm-Arena gepilgert, einige warteten schon Stunden vor Konzertbeginn vor der Halle, um sich beste Stehplätze zu sichern. Auf Papp-Herzen im Pulk vor der Bühne wird Jimmy um eine Umarmung gebeten und Patricia um ein gemeinsames Erinnerungsfoto, von der Decke regnet Flitter. Die Show der Kelly Family beginnt. „Wir sind immer noch alle da“, ruft Patricia und hüpft wie eine Elfe über die Bühne. „Verrückt. Nach all dieser Zeit.“

Viele Besucher feierten den Auftritt der Kelly Family
40 Bilder
Party in der Ratiopharm Arena: Die besten Bilder vom Konzert der Kelly Family
Bild: Felix Oechsler

Mit ihrer Tournee „25 Years Over The Hump“ feiert die Kelly Family, dieser singende, tanzende, spielende Familienzirkus, jenes Album, das sie vor einem Vierteljahrhundert mit einem Schlag an die Spitze des Musikgeschäfts bugsierte. Was für ein Durchbruch. Damals, auf dem Gipfel der Kellymanie, traten sie vor 250 000 Menschen auf. Sie versetzten Zahnspangenträger in akute Schnappatmung. Diagnose: höchste Verehrung. Mehr als 20 Millionen Tonträger hat diese Familie bis dato verkauft – die ersten schon in den 1970ern, als die Familie Kassetten auf der Straße verkaufte. Nach einer langen Pause fanden sieben Mitglieder der Familie 2017 wieder zusammen. Sie touren gemeinsam und zeigen in Neu-Ulm, dass man ihnen die Liebe zur Musik nicht nehmen kann. Paul, Jimmy, Joey, Patricia, Kathy, John, Angelo. Nach all den Jahren.

Die Kelly Family bringt das Gefühl der 90er Jahre nach Neu-Ulm

Die Familie kam in den 60er-Jahren aus den USA herübergeschippert und sie wurde so etwas wie ein gesamteuropäisches Patchwork-Kulturgut. Zwölf Kinder setzte Vater Dan Kelly in die Welt, geboren in vier verschiedenen Ländern. Ihre Musik? Ein Flickenteppich. Irish Folk, Flamenco, Gypsy-Gitarre und Tin-Whistle, deutsche Lieder, oft gezuckert mit handelsüblichem Pop.

Die Kelly Family kehrt zurück nach Neu-Ulm

Kelly-Musik ist aber, gestern wie heute, vor allem eines: das Versprechen einer heilen Welt. Heute klingt diese Musik wie ein sanftes Gegengift gegen alle Sorgen und Miseren, die nach den 1990er-Jahren die Welt zu plagen begannen – und gegen alle Übel der 90er, die man wohl längst verdrängt hat. Was hilft gegen Trübsal jeder Sorte, in Neu-Ulm und überall? Unterhaken, schunkeln. Beim Hit „Baby Smile“ lächelt jeder, den die Kamera im Suchflug einfängt – und das Lächeln wirkt echt. Diese Musik ist manchmal hochkonzentrierter Kitsch und zugleich unheimlich gut gemacht. Handwerk von der Straße. Wer gelernt hat, sich mit Musik in Fußgängerzonen durchzusetzen, der weiß, wie stark und auch was man singen muss, damit das Programm gefällt.

Das Publikum in Neu-Ulm tanzt und singt mit der Kelly Family

Kathy Kelly, die Älteste, Jahrgang 1963, scheint die allergrößte Freude und Energie mit auf die Bühne zu bringen. Mal im spanischen, mal im irischen Stil spielt sie ihre Geige, dann schnallt sie sich das Akkordeon um und singt schnarrend mit Pathos und Vibrato wie eine zweite Bonnie Tyler. Kathy ist das Zentrum des Bühnenclans.

Eine sentimentale Diashow auf der Leinwand begleitet das Konzert. Der Weg der Familie zum Erfolg – und das ist hier nicht als Floskel gemeint – war lang. Das zeigen die Bilder. Mit dem VW-Bulli ging es von Pamplona nach Rom, Dan kaufte einen Doppeldecker-Bus aus London, es folgten sieben Jahre Schiffsleben auf dem legendären Kelly-Hausboot in Belgien und schließlich endete der verschlungene Pfad dieses Pop-Märchens auf einer Burg. Im Wasserschloss Gymnich in Nordrhein-Westfalen verbrachte die Familie die letzten Züge der 90er. Mit den Kellys erreichte das Popjahrzehnt seine Blüte und mit den Kellys verging es. Als Tamagotchi-Kohorten nach Futter fiepsten und „Take Thats“ Auflösung neun von zehn Mädchen in eine kollektive Depression stürzte, da stürzte sich die Boulevardpresse wiederum auf die Kellys. Hat Vater Dan seine Kinder zum Erfolg gedrängt, fort von einem geregelten Leben? Manche wollten der Familie ein schmuddeliges Image anheften: die Hippies von der Straße. Und dass die Langhaargruppe in Flatterkleidern auch offen zu ihrer Liebe für Flohmärkte steht – allerhand.

Die Kelly Family ist eine große Familie

Die Band driftete auseinander. Das Leben ging weiter. Maite Kelly singt heute Schlager und der einst umschwärmte Paddy spielt sich solo in die Charts. Joey Kelly eifert als Marathon-Mann und Triathlet durch die Medien und war der liebste Show-Widersacher von Stefan Raab. Aber Joey ist wieder mit dabei: Er stiert wie ein Rasputin, wirft sich mit seiner Lederjacke in Pose, greift in die Saiten und singt mit kraftvoller Stimme. Er ist die Überraschung in der Folk-Pop-Band. Sein Bruder Angelo brettert indessen im Flutlicht ein beachtliches Schlagzeug-Solo hin. Dieser Angelo war einst das lockige Christkind, das „An Angel“ so süß und herzzerreißend sang, dass es manch einem den Magen verrenkte wie im Zuckerschock – und es andere zu Tränen rührte. Dieser Hit darf in Neu-Ulm nicht fehlen.

Wer an diesem Abend den Tränen nah ist: Jimmy, der Mann mit der kantigen Stimme. Er ist gerührt, wie das Publikum mitschwelgt, mitsingt, mittanzt. Die Kelly Family, das sei eine ganz große Familie, sagt er – inklusive Fans und Publikum.

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