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Ulm

31.08.2017

Die Korrekturen des Dichters

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2 Bilder
Dichter von nationalem Rang: Johann Martin Miller.
Bild: Museumsgesellschaft

Der Ulmer Johann Martin Miller war im 18. Jahrhundert ein erfolgreicher Schriftsteller. Ein Zufallsfund aus einem Antiquariat ermöglicht nun interessante Einblicke in seine Arbeit.

Der 1750 in Ulm geborene Dichter Johann Martin Miller war einer von wenigen Schwaben, deren Namen man auch andernorts im deutschen Sprachraum kannte – zumindest für einige wenige Jahrzehnte im 18. Jahrhundert. Denn bereits in der 1783 erschienenen Ausgabe seiner gesammelten Gedichte spekuliert der Ulmer: „Sollt’ ich je wieder dichten, dann wärens hauptsächlich geistliche Lieder und Lieder für den Landmann.“ Eine hypothetische Aussage: Der erst 33-jährige, später lange Jahre Prediger am Münster, schrieb zu diesem Zeitpunkt schon länger keine Gedichte mehr. Isoliert in der schwäbischen Provinz, schwelgte Miller stattdessen immer wieder in der „Rückerinnerung“ an Göttingen und die dort verlebten, „glücklichen“ Jahre.

Als junger Mann nämlich war Miller Mitglied des damals deutschlandweit bekannten Göttinger Hainbunds. Gemeinsam verfertigte er mit Freunden in langen Mondnächten vor den Toren der Stadt empfindsame und oft recht tränenreiche Lieder – und ging damit in die Literaturgeschichte ein. Eines der Gedichte, Millers „Zufriedenheit“, diente unter anderem Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven als Textvorlage. Ein anderes Werk Millers, der etwas später entstandene Klosterroman „Siegwart“, war einer der erfolgreichsten Bücher jener Zeit – und sein Stil brachte dem Autor vom alternden Goethe das eher zweifelhafte Prädikat „frauenzimmerlich“ ein. Alles in allem aber blieb Miller, der 1775 nach nur drei Jahren im Norden in seine Heimatstadt zurückgekehrt war, ein literarisches „One-Hit-Wonder“. Die Gedichtsammlung, die er 1783 zusammenstellte, ist so etwas wie ein Schlussstrich unter seinem Leben als Dichter.

Erst 1818, ganze vier Jahre nach seinem Tod, schreibt ein Freund, der Buchhändler Köhler aus Ulm, für eine weit verbreitete Zeitschrift eine Biografie Millers. Darin behauptet er, im Besitz eines Exemplars der mehr als drei Dekaden zuvor erschienen Gedichte zu sein, „in welches der sel[ige] Miller mit Bleistift sehr viele, freilich oft kaum leserliche Änderungen eingeschrieben“ habe. „Er schien es also wohl“, mutmaßt Köhler weiter, „auf eine zweite Auflage anzutragen, wozu es aber bei der Kälte und Gleichgültigkeit des deutschen Publikums gegen die Werke seiner besten Köpfe gewiss nie kommen wird.“

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Zu einer „zweiten Auflage“ kam es erst mit knapp 200-jähriger Verspätung. Im Jahr 2014, dem 200. Todesjahr Millers, erschienen im Berliner Elfenbein-Verlag erstmals seit 1783 die gesammelten Gedichte in einer Neuauflage. Das von Köhler erwähnte Handexemplar aber galt als verschollen – bis es vor kurzem in einem Berliner Antiquariat auftauchte und von der Museumsgesellschaft Ulm erworben wurde.

Dafür, dass es sich tatsächlich um ein sogenanntes „Handexemplar“, also ein vom Autor selbst benutze Exemplar handelt, gibt es zwei Indizien: einerseits den Vergleich der enthalten Handschrift mit der Millers, andererseits die Art der zahlreichen Änderungen, die der Autor bis ins hohe Alter eingetragen haben könnte: Neben der simplen Korrektur von Druckfehlern sind es zum Großteil Verbesserungen, die Miller an seinen Jugendwerken vorgenommen hat. Oft tauschte er einzelne Wörter oder Verse gegen andere aus, stellenweise aber strich er ganze Strophen oder ersetzte sie.

In vielen Fällen sind es dagegen die Überschriften einzelner Texte oder die darunter gesetzten Jahreszahlen, die Miller veränderte oder gleich ganz wegließ. Es scheint also, als wollte er vielfach nicht nur Hinweise auf die genauen Entstehungsumständen seiner Texte verschwinden lassen, sondern auch solche auf literarische Einflüssen oder mögliche „Inspirationsquellen“. Denn Miller, der von seinen Göttingen Dichterfreunden den Spitznamen „Minnehold“ verpasst bekam, war in seiner Jugend auch für seine Liebeslieder bekannt, die stark von der schwäbischen Minnelyrik des Mittelalters beeinflusst waren. Genau solche Hinweise wie die auf die Minnelyrik strich Miller in dem Handexemplar an vielen Stellen.

Alles in allem sind mehr als ein Drittel der insgesamt 145 Gedichte Millers von solchen Korrekturen betroffen. Es scheint also tatsächlich so, als schien es Miller im Alter, wie Köhler mutmaßt, noch einmal „auf eine zweite Auflage“ angelegt zu haben. Wer sich selbst davon überzeugen möchte, kann dies derzeit in der Ulmer Stadtbibliothek tun. Dort wird das Exemplar als Dauerleihgabe der Museumsgesellschaft ausgestellt. Zudem soll ein Ergänzungsband zu der 2014 erschienenen „zweiten Auflage“ der Gedichte folgen, der die einzelnen Änderungen nachvollzieht.

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