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Lesung

07.11.2013

Die Lebenskrise als rettende Kehrtwende

Überraschende Begegnung: Peter Stamm trifft Schauspielerin Sophie Ammann, die aktuell am Akademietheater in einer Bearbeitung von Peter Stamms Erfolgsbuch „Agnes“ die Hauptrolle spielt.
Bild: Florian L. Arnold

Erfolgsautor Peter Stamm stellte im Roxy vor vorwiegend jungem Publikum sein neues Buch „Nacht ist der Tag“ vor

Ulm „Das Gesicht verlieren“ – das ist für die erfolgreiche Moderatorin Gillian nicht nur so eine Redewendung. Bei einem Autounfall, bei dem ihr Mann starb, ist sie gerade so mit dem Leben davongekommen. Doch um einen hohen Preis – die Hälfte ihres Gesichts ist zerstört. Wie so oft bei einem Roman des auch international sehr geschätzten Schweizer Autors Peter Stamm steht am Anfang des neuen Werks „Nacht ist der Tag“ eine Wende. Gillian hofft auf eine Rekonstruktion ihres Gesichts durch die plastische Chirurgie. Und während sie in Watte und Sedativa gepackt ihr Leben Revue passieren lässt, beginnt sie ihr früheres Dasein fast als einen Bluff zu empfinden: „Gillian hatte immer gewusst, dass sie in Gefahr war, dass sie irgendwann bezahlen musste für alles. Jetzt hatte sie bezahlt. Ihr Job, ihre Eltern, Matthias gehörten zu einem anderen Leben. Es ist alles noch da, sagte sie, nur ich bin weg.“

Gut besucht war die Lesung in der Roxy-Werkhalle, vorwiegend junges Publikum war gekommen, um den Autor hautnah zu erleben. Stamm ist kein Selbstdarsteller. Das Buch ist der Hauptdarsteller des Abends, daran lässt er keinen Zweifel.

Die Umkehrung der Perspektive am Ende

Er las drei Auszüge, die – wie so oft bei einem Peter-Stamm-Buch – den so typischen „Sog“ entwickelten. Die klare, unaufgeregte Sprache schafft es, selbst alltäglichste Szenen mit einer dramaturgischen Spannung zu versehen, der man sich kaum entziehen kann. Die Begebenheiten und Charaktere sind nicht spektakulär. Gleichwohl lassen sie einen nicht mehr los.

In immer größer werdenden Sprüngen berichtet „Nacht ist der Tag“ von dem „perfekten“ Leben Gillians, das ihr zunehmend abhandenkommt. Am Ende steht – auch dies sehr typisch für Stamm – eine regelrechte Umkehrung der Perspektive: Gillian empfindet ihr früheres Ich als reine „Inszenierung“ und erkennt: „Es musste falsch gewesen sein, wenn es so leicht zu zerstören war“.

Peter Stamms Erfolg mag auch darauf basieren, dass er in einer unprätentiösen Sprache die Gegenwart ausleuchtet. Im Roxy berichtete er zudem freimütig aus der Schreibwerkstatt eines erfolgreichen Autors. Dass er oft lange nach einem Titel suchen müsse, gestand Stamm. Und dass „Nacht ist der Tag“ bereits lange vor dem Roman „Sieben Leben“ entstand (siehe „Nachgefragt“).

Gefragt, warum er so häufig Krisen beschreibe, antwortete er: „Weil die Beschreibung eines Lebens in Zufriedenheit und ohne Störungen langweilig wäre. Krisen sind die Nahrung der Literatur“.

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