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Ulm

26.06.2017

Die Leichtigkeit des Scheins

Eine perfekte Synchron-Choreografie zeigten die Zwillinge Ele und Julia Jahnke.
Bild: Alexander Kaya

Das Varieté „High Voltage“ bietet im Ulmer Zelt zauberhafte Artistik, faszinierende Körperbeherrschung und ein bisschen Klamauk. Nur ein Detail stört bisweilen.

Seit Jahren sorgt „High Voltage“ für ausverkaufte Abende im Ulmer Zelt. Das Hochspannungs-Varieté gehört zu den Selbstläufern des Festivals. In diesem Jahr sorgte das Comedian-Duo Rick van Nöten und Ferdinand Fachblatt – alias „Die lonely husBand“ – als Moderatoren für Stimmung im Zelt, zum zweiten Mal, nachdem sie bereits 2005 im von ihnen belästerten Dreimaster aufgetreten waren. Begeisterungstürme gab es in der Hitze des Samstagabends vor allem für das Artistik-Duo Elja und für den kraftvoll-mühelosen Leipziger Handstand-Equilibristen Danilo Marder. (Bilder gibt es hier.)

Die eineiigen Zwillinge Ele und Julia Jahnke gehören zu den besten Trapezkünstlerinnen der Welt. Ihre elegante Spiegelbild-Choreografie, die funktioniert, egal ob die Hessinnen gerade übereinander oder nebeneinander agieren, kann wohl nur deshalb derart perfekt sein, weil die Zwillinge ein Leben lang aufeinander eingestimmt sind – so perfekt übrigens, dass sie auch ihre Kinder nahezu zeitgleich zur Welt brachten. Rasant ist ihre Show, optisch faszinierend, und man kann nur ahnen, wie viel Kraft hinter der scheinbaren Leichtigkeit in schwindelnder Höhe am Trapez steht. Bedauerlich: Für Zuschauer gegenüber der Bühne war vom zweiten Show-Akt der Zwillinge praktisch nichts zu sehen. Scheinwerfer blendeten derart grelles Rot- und Gelblicht ins Publikum, dass Zuschauer über Augenschmerzen klagten.

Danilo Marder, dreifacher deutscher Sportartistik-Meister, beeindruckte mit Ruhe und Präzision: Seine menschliche Flagge horizontal an einer Stange – als kleiner Spaß fürs Publikum auch im Spagat – zeugte von unglaublicher Körperbeherrschung. Moderne Zirkuskunst vom Feinsten präsentierten M. Lilley und Cortes Young, im richtigen Leben Marie Cathrin Seeger und Thomas Dürrfeld aus Berlin: Ihre Show ist die eines Paares, das sich so nah ist, dass es in einem gemeinsamen Mantel als Einheit erscheint und einander doch auch gleichzeitig austrickst und bekämpft. Man kann dem Partner das Leben mit Bällen und Keulen schwer machen, dem anderen etwas wegnehmen, ihn irritieren – und dabei optisch eine tolle Figur abgeben. In die fast vergessene und erst durch die „Shadowland“-Shows wieder schick gewordene Fantasiewelt der Schattenspiele entführte der Hamburger Magier Julian Button. Mit seinen Händen schafft er Häschen, Schwäne und Tauben in einer imaginären Welt und nutzt selbst seine Haare im Schattenriss als Federn des Schwanes, die dieser zurechtzupft. Schräg, verschmitzt und mit Rubens-Figur im Tigerfell-Kleid verblüffte die in Moskau geborene Artistin Viktoria Lapidus mit Hula-Hoop-Artistik, Spagat und schrillen klassischen Tönen.

Ein bisschen klamaukig wirkte die Comedy der Moderatoren angesichts der großartigen artistischen Leistungen im Zelt. Vom Parforceritt durch die Musik der 70er hätte man gern mehr gehört, während die Frage ans Publikum „Sprecht ihr hier Bayrisch?“ für einen Moment des Aufstöhnens sorgte. Aber wer erzählt, wie Frank Sinatra dereinst undercover als Ali Üzgur in Ulm lebte, hat es wahrscheinlich vor allem auf die Lachmuskeln des Publikums abgesehen. Und die wurden allemal strapaziert.

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