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Ulm

22.07.2020

Die Regio-S-Bahn von Ulm nach Kempten fährt ohne Ticket ab

Wer aus dem Neu-Ulmer Stadtgebiet öffentlich zum Allgäu Airport in Memmingen fahren will, muss zweimal umsteigen – und braucht drei Tickets. Dabei soll die Strecke zum Netz der Regio-S-Bahn Donau-Iller gehören.
Bild: Alexander Kaya

Plus Schon im Dezember sollen die ersten Züge unter dem Namen Regio-S-Bahn von Ulm nach Kempten fahren. Ein einheitliches Tarifsystem für die Region wird es bis dahin nicht geben. Für Pendler besteht dennoch Hoffnung.

Bis ein echtes Netz entstanden ist, vergehen noch einige Jahre: 2030 soll die Regio-S-Bahn Donau-Iller ihren Betrieb aufnehmen. Die ersten Züge fahren schon Ende des Jahres, doch ein wichtiger Schritt fehlt noch. Die Züge auf der Illertalbahn Ulm–Kempten werden bereits nach dem Fahrplanwechsel im Dezember den Schriftzug Regio-S-Bahn tragen, ein einheitliches Tarifsystem für die Pendler wird es dann aber nicht geben. Das, sagt Pressesprecher Markus Zimmermann von der Donau-Iller-Nahverkehr-GmbH (Ding), sei schon jetzt sicher. Der Busunternehmer Josef Brandner, der die Linie Krumbach Weißenhorn Illertissen betreibt, sagt sogar: „Das klingt schön, aber es ist unrealistisch.“

Zugfahren soll Pendler zu mehr Klimafreundlichkeit bewegen

Dabei sind sich alle Beteiligten einig: Bus, Bahn & Co sollen zusammen dazu beitragen, den Klimawandel aufzuhalten. Insbesondere die Regio-S-Bahn Donau-Iller soll Pendler dazu bewegen, die öffentlichen Verkehrsmittel stärker zu nutzen. Wieder und wieder haben die Verantwortlichen betont, dass die Buslinien zu den Bahnhöfen auf die Abfahrtszeiten der Züge abgestimmt werden müssen. Möglichst keiner soll mit dem Auto zur Regio-S-Bahn fahren müssen, weil es nicht anders geht. Doch reicht es, Bus und Bahn aufeinander abzustimmen? Nimmt das Fehlen eines einheitlichen Ticket-Angebots Pendlern nicht womöglich die Lust?

Die Illertalbahn durchquert das Ding-Gebiet und das Gebiet des Verkehrsverbunds Mittelschwaben (VVM). Beide setzen auf eigene Konzepte, eine Kooperation gibt es nicht. Klar: Pendler können eine Monatskarte der Deutschen Bahn kaufen. Doch das hilft nur für einen Teil der Strecke. Wer zum Beispiel regelmäßig morgens in Babenhausen in den Bus nach Memmingen steigen, von dort mit der Bahn nach Ulm fahren und schließlich den Bus oder die Straßenbahn bis zum Arbeitsplatz nehmen will, bräuchte drei Monatskarten: für VVM, Deutsche Bahn und Ding. Das Gleiche gilt für Berufstätige, die aus dem Kreis Neu-Ulm in die Nachbarlandkreise pendeln. Und es gilt für Gelegenheitsfahrer, die beispielsweise zum Flughafen Memmingen unterwegs sind.

Das bekannte Waben-Ticketsystem soll wieder zum Einsatz kommen

Oliver Dümmler, der Geschäftsführer des Vereins Regio-S-Bahn Donau-Iller, sagt, in Deutschland sei ihm keine Region bekannt, in der Fahrgäste im gleichen Netz mehrere Tickets bräuchten. „Ich gehe davon aus, dass sich die Verbünde und Tarife weiterentwickeln“, betont er. Dass die Passagiere in der Regio-S-Bahn mehrere Tickets bräuchten, um von A nach B zu kommen, könne er sich nicht vorstellen. Der Verein setze sich für die Planungen und den Bau der S-Bahn ein, einen eigenen neuen Verbund strebe er nicht an. Sprich: Ding, VVM und die regionalen Unternehmen sind gefragt.

Ding setzt auf sein bekanntes Ticketsystem mit Waben und würde auch neue Mitglieder wie die Landkreise Unterallgäu und Günzburg aufnehmen. Der dortige Verbund VVM beteiligt sich am regionalen E-Ticketing-System von Schwabenbund Services und würde dabei auch Ding ins Boot holen. Fahrkarten können verbundübergreifend in einem Vorgang gekauft werden, die Preise werden addiert.

Auch Monatskarten sollen günstiger als Autofahren sein

Kunden dürften beim Verbund-Modell günstiger fahren. Aber der Busunternehmer Josef Brandner, der Linien in beiden Verbünden betreibt, verweist darauf, dass auch beim anderen System Ermäßigungen möglich seien. Zudem seien auch zwei Monatskarten günstiger als Fahrten mit dem Auto – wenn man alle Kosten ehrlich einrechne.

Wie beurteilen Pendler und Gelegenheitsfahrer das Fehlen eines einheitlichen Tickets? VVM-Geschäftsführer Christoph Langer gibt sich entspannt. Die Regio-S-Bahn sehe er nicht als „Killer-Argument“ für ein gemeinsames Tarifsystem oder einen gemeinsamen Verbund. „Welches Gebiet oder welchen Verkehrsverbund er durchquert, ist dem Kunden egal“, meint er. Es gehe darum, dass man Tickets über ein einziges Programm oder eine Internetseite buchen könne.

Die Regio-S-Bahn betrifft auf bayerischer Seite nicht nur den Kreis Neu-Ulm und das Unterallgäu. Auch im Landkreis Günzburg soll die Regio-S-Bahn künftig eine Rolle spielen. Die Abschnitte Ulm–Günzburg und Günzburg–Mindelheim sollen zu Ästen des Netzes werden. Genau ausgearbeitet sind die Pläne dafür aber noch nicht.

Die Deutsche Bahn zwischen Ulm und Günzburg wird von Go Ahead abgelöst

Zwischen Ulm und Kempten fahren Züge von DB Regio, zwischen Ulm und Günzburg verkehren Agilis und die Deutsche Bahn. Anstelle der Letztgenannten tritt ab Ende 2022 der britische Betreiber Go Ahead. Bei Agilis steht man einem größeren Ding-Netz offen gegenüber – man befürworte alle Schritte, die einen Fahrgastnutzen brächten, teilt eine Sprecherin mit. Und den gebe es bei großen Verbünden oft. Genaue Analysen seien aber nötig und der Weg sei weit: „Die gesamte Abstimmung hierzu ist ein Prozess, der mehrere Jahre dauern kann“, teilt eine Sprecherin mit.

Bewegung kommt dennoch in die Angelegenheit: Der VVM lässt gerade prüfen, ob die Bahnstrecken in den Verbund aufgenommen werden sollten. Bis 2022 soll eine Untersuchung nach Angaben von Geschäftsführer Christoph Langer herausfinden, welche Kosten eine Integration der Schiene in das VVM-Netz für die Landkreise Günzburg und Unterallgäu verursachen und welcher Nutzen daraus folgen könnte. Mehr als eine Million Euro soll die Studie kosten, den größten Teil bezahlt der Freistaat Bayern. Es gibt auch politischen Druck: Die Fraktion der Grünen im Günzburger Kreistag hat Kontakt zu Ding aufgenommen. Man wolle den Kreistag ermutigen, dass die Voraussetzungen für einen Beitritt in den benachbarten Verbund geprüft werden. „Wir wollen den Nahverkehr ausbauen und attraktiver machen. Und zur Attraktivität gehört eben auch, dass man ein Ticket für alles hat“, sagt Fraktionschef Kurt Schweizer. Günzburg sei viel näher an Ulm als beispielsweise Biberach, die Zahl der Pendler und Ausflügler sei hoch.

Mit neuer Ticket-App kann man bald deutschlandweit Fahrscheine kaufen

Busunternehmer Josef Brandner sieht eine weitere Chance: Ding beteiligt sich am Test von Mobility Inside. Mit dieser Ticket-App sollen Kunden künftig deutschlandweit Fahrscheine kaufen können. Das System lasse sich ohne Weiteres mit Schwabenbund E-Ticketing verknüpfen, so Brandner; „Man braucht halt Geduld.“


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