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Ulm

18.02.2021

Die Ulmer Drachenburg wird neu gebaut - ist der Name frauenfeindlich?

Das alte Gebäude in Ulm ist marode.
Foto: Alexander Kaya

Plus Fast 70 Jahre lebten Frauen in der Drachenburg in Ulm, nun wird das marode Haus abgerissen. Das neue Gebäude soll genauso heißen. Doch daran gibt es Kritik.

27 Wohnungen und zwei Einheiten für gemeinschaftliches Wohnen sowie Gemeinschaftsräume und eine Gastronomie sollen in der Beyerstraße 14 in Ulm entstehen, das marode Bestandsgebäude wird abgerissen. Der alte Name aber soll bleiben - und das stößt auf Kritik. Das leer stehende Haus war Mieterinnen vorbehalten. Gemeinhin war und ist es unter dem Namen "Drachenburg" genannt, eben weil dort ausschließlich Frauen lebten.

Der abwertende Begriff stammt aus den Anfangsjahren des Gebäudes. Das Frauenforum Ulm zitierte für einen Bericht, der jüngst im Gemeinderat vorgestellt wurde, Gertrud Brandt, einst Vorsitzende des Überparteilichen Frauenarbeitskreises Ulm. Der Arbeitskreis war Initiator des Projekts gewesen und Brandt hatte 1963 anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Drachenburg berichtet, wie der Name des Wohnprojekts entstanden war: "Das gibt ja eine Drachenburg!", habe sie immer wieder von Männern aus der Ulmer Stadtverwaltung gehört, als sie für das Haus geworben habe.

In dem neuen Gebäude der "Drachenburg" in Ulm soll es auch Sozialwohnungen geben

"Drachenburg", berichtete Brandt im Jahr 1963, sei den Frauen ein liebgewordener Spitzname geworden. 1953 war das Gebäude eröffnet worden, 58 bezahlbare Wohnungen boten allein stehenden berufstätigen Frauen Platz. Im Jahr 1986 übernahm die städtische Ulmer Wohnungs- und Siedlungs-Gesellschaft UWS die Drachenburg vom Überparteilichen Frauenarbeitskreis und behielt den Grundsatz bei, dass nur Frauen dort einziehen dürfen.

So soll das Nachfolgegebäude der sogenannten Drachenburg in der Beyerstraße 14 in Ulm aussehen.
Foto: Stemshorn Kopp (Visualisierung)

Damit ist in Zukunft Schluss. 40 Prozent der Wohnungen sollen als geförderte Wohnungen Menschen zur Verfügung stehen, die wirtschaftlich oder sozial benachteiligt sind. Die UWS hat nach eigener Auskunft insbesondere Mietergruppen im Blick, die Schwierigkeiten haben, sich am allgemeinen Wohnungsmarkt zu versorgen. Um eine ausgewogene Sozialstruktur im Haus, das durch die Ehinger Anlagen vom Scholl-Gymnasium getrennt wird, sicherzustellen, werden die übrigen Einheiten laut UWS zu normalen Marktkonditionen vermietet.

Ist der Name Drachenburg frauenfeindlich?

Ganz verloren gehen soll das Erbe der Drachenburg nicht. Das Frauenforum hat sich an den Planungen beteiligt. Die UWS kündigt an, dass die Gemeinschaftswohnprojekte Frauen vorbehalten sein könnten. Das Frauenforum indes fordert, dass drei Wohnungen grundsätzlich für Frauen reserviert sein sollen. Darüber hinaus halte man einen Anteil von 60 Prozent Frauen für möglich. Insbesondere Rentnerinnen und Alleinerziehende seien oft in schwierigen Situationen und könnten künftig in der Drachenburg unterkommen.

"Drachenburg" wird das Gebäude in Ulm genannt.
Foto: Alexander Kaya

In der Drachenburg? Dass dieser Name bleiben soll, stößt bei FWG-Stadträtin Helga Malischewski auf Unverständnis. In einem offenen Brief ans Frauenforum appelliert sie, eine neue Bezeichnung zu finden und zitiert dabei aus dem Duden und der Bibel. "Drache" stehe laut Duden abwertend für "zänkische Frau" und die Heiligen Schrift warne Männer davor, eine zänkische Frau zu heiraten, weil man sie ein Leben lang behält. Dort stehe, es sei besser auf dem Dach oder in der Wüste zu wohnen als mit einer solchen Frau im gleichen Haus. Die alte Wohnform sei nicht mehr zeitgemäß.

Man habe ein gutes neues Konzept gefunden, findet Malischewski. "Ich bin mit meiner Meinung nicht allein, dass auch der Name 'Drachenburg' nicht mehr zeitgemäß, diskriminierend und verletzend ist", schreibt sie. Das Frauenforum sei ein kreatives Gremium. Es solle nach einem zeitgemäßen und empathischen Namen für das Haus suchen.

Der Entwurf für die neue Drachenburg kommt von Architekturbüro aus Ulm

Die Mieterinnen der alten Drachenburg sind bereits ausgezogen, nach Angaben der UWS haben alle ein neues Zuhause gefunden. Das alte Haus soll im Frühjahr 2021 abgebrochen werden. In den nächsten Wochen beginnt nach Angaben von UWS-Chef Frank Pinsler das Bebauungsplanverfahren für den Neubau mit einem Aufstellungsbeschluss im zuständigen Ausschuss. "Wir gehen davon aus, dass wir Ende des Jahres mit den Arbeiten für den Neubau beginnen können und rechnen mit einer Fertigstellung Ende 2023", schildert er.

Wie der Neubau aussehen soll, hat eine Jury im Oktober 2020 festgelegt. Aus sieben Entwürfen wählten die Fachleute den des Architekturbüros Stemshorn Kopp aus Ulm aus.

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