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Ulm

21.01.2020

Die Vesperkirche in Ulm bangt ums Geld

Pfarrer Peter Heiter kurz vor dem Auftakt der 24. Ulmer Vesperkirche im vergangenen Jahr in der Pauluskirche.
Bild: Alexander Kaya (Archivfoto)

Plus Die 25. Auflage der Vesperkirche in der Ulmer Pauluskirche dreht sich mehr denn je um die Finanzen – nicht nur wegen der Sorgen um neue steuerliche Regelungen.

Natürlich geht es ums Geld: Um die 600 Frauen und Männer kommen an jedem der 28 Tage in die Vesperkirche, um dort zu Mittag zu essen. Mehr als 13000 Menüs und gut 8000 Essenstüten wurden zuletzt ausgegeben. Etwa 101000 Euro hat dieses Angebot im vergangenen Jahr gekostet. Was die Gäste für ihr Essen bezahlen, wiegt diese Kosten bei weitem nicht auf. Private Spender und Unternehmen gleichen den Rest aus. Doch neue gesetzliche Vorgaben bereiten den Organisatoren Sorgen. Ums Geld geht es aber nicht nur deswegen.

Zum 25. Mal veranstaltet die Gemeinde der evangelischen Pauluskirche die Vesperkirche in Ulm. Auftakt ist am Donnerstag, 23. Januar, Abschluss am Mittwoch, 19. Februar. Es ist kein Jubiläum, das gefeiert werden soll. „Es ist eher traurig, dass es die Vesperkirche braucht“, sagt Peter Heiter, der Pfarrer der Paulusgemeinde. Er und seine Mitstreiter wollen das vermeintliche Jubiläum nutzen, um die Botschaft der Vesperkirche weiter in die Gesellschaft zu tragen. Und auch da geht es ums Geld.

25. Auflage der Vesperkirche in Ulm

Der Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Kessler war bis vergangenes Jahr Chefredakteur bei der christlichen Zeitschrift Publik-Forum. Er spricht bei einem Vortrag im Rahmen der Vesperkirche über das Thema „Gefährlicher Reichtum“. Dabei will er skizzieren, wie eine gerechtere Verteilung aussehen kann und welches Risiko Reichtum für die Reichen bringt. Kessler spricht am Donnerstag, 30. Januar, von 19 Uhr an im Studio der Sparkasse in der Neuen Mitte – „ein reizvolles Ambiente für dieses Thema“, findet Pfarrer Peter Heiter. Im Foyer der Sparkasse ist derweil eine Ausstellung zu sehen, die Bilder aus den vergangenen 24 Jahren Vesperkirche zeigt.

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Ums Geld gehen soll es bei der Vesperkirche ja eigentlich nicht – oder so wenig wie möglich. Vier Wochen lang gibt es Speisen und Getränke in der festlich dekorierten Pauluskirche. Den Organisatoren ist das würdevolle Ambiente wichtig. Jeder Gast soll sich wohlfühlen – wie in einem Restaurant, dessen Preise für viele viel zu hoch sind. 1,50 Euro sollen Bedürftige für ihr Menü bezahlen, für Vollzahler kostet das Essen samt Getränk fünf Euro – obwohl es einen durchschnittlichen Wert von acht Euro hat. Wer möchte, darf mehr geben oder aufs Konto der Paulusgemeinde überweisen.

Ulm: Pfarrer Peter Heiter spricht über die Finanzen bei der Vesperkirche

Die Spenden sind ein Grund, warum es bei der Vesperkirche jetzt und in Zukunft noch mehr ums Geld geht: Die Umsatzsteuer wird verschärft und betrifft künftig auch kirchliche und kommunale Einrichtungen. Wie das Ulmer Finanzamt mit der neuen Regelung umgeht, weiß noch niemand. Aber der Vesperkirche drohen entsprechende Zahlungen – die Pfarrer Heiter unbedingt vermeiden will. „Wir wollen ja keinen Spender für die Umsatzsteuer suchen“, sagt er. Er verstehe den Gedanken, der hinter dem Gesetz steht, sagt Peter Heiter: „Nur ist die Frage, ob man das auch bei Veranstaltungen ansetzt, die sozialstaatliche Lücken schließen.“

Im kommenden Jahr könnte deswegen das etablierte System umgestellt werden: Weg von einem festen Preis fürs Menü, hin zu kostenlosen Gerichten. Dann könnte jeder Gast in beliebiger Höhe Geld geben – oder es bleiben lassen. Die Umsatzsteuerpflicht fiele weg, weil es sich dann eben um Spenden handelt würde und nicht mehr um eine Bezahlung samt Gegenleistung. Die Verantwortlichen hatten überlegt, diesen Ansatz schon bei der 25. Auflage zu testen. Der Kirchengemeinderat entschied sich aber dagegen: Zu groß erschien das Risiko, dass die Spenden deutlich niedriger ausfallen als die jetzigen Einnahmen. Ob es zu dieser Umstellung kommt oder zu einer anderen, ist aber noch offen. Das bestehende System hat aber wohl ausgedient. Ein Steuerberater beschäftige sich derzeit mit der Frage, berichtet Peter Heiter.

Bei der Vesperkirche in der Pauluskirche in Ulm könnten große Veränderungen anstehen

Für die Sorge der Kirchengemeinderäte deutet sich eine Lösung an: Schon jetzt, sagt Heiter, hätten sich zahlreiche Firmen und Privatpersonen gemeldet und angeboten, ein größeres Defizit auszugleichen. „Es ist schon beruhigend, das wir sie einen großen Rückhalt haben“, betont der Geistliche. Dennoch bleibe eine Unsicherheit, Heiter spricht von einer „Grundsatz-Verunsicherung“, die die rund 200 ehrenamtlichen Helfer der Vesperkirche plagt. Der Pfarrer beobachtet auch eine Unzufriedenheit bei den Freiwilligen: „Wir engagieren uns und dann verdient der Staat daran“ – diese Vorstellung beschäftige die Helfer. Sie stecken viele Stunden Arbeit in die Vesperkirche und spenden meist auch Material.

Auch für kleine Spenden sind die Verantwortlichen der Vesperkirche dankbar. Pfarrer Heiter erzählt von einem Erlebnis im vergangenen Jahr, das einem biblischen Gleichnis ähnelt: Eine Frau konnte ihr Essen an den Januartagen der Vesperkirche nicht bezahlen. Am 1. Februar brachte sie 20 Euro mit, legte alles in die Kasse und sagte: „Damit ist mein Geld jetzt weg.“ Sie finde die Vesperkirche so gut, dass sie ihr Geld gerne gebe. „Das hatte es sehr Würdiges“, beschreibt Peter Heiter. „Das hat mich schon bewegt.“

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