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Ulm

12.08.2016

Die fantastische Bibliothek

Wulf Neuschwander (links) und Vereins-Bibliothekar Klaus König haben einiges zu tun: Hunderte Titel wollen erfasst werden. Über 23000 Werke befinden sich bereits in der Bibliothek.
Bild: Annika Gonnermann

Der Verein „Übermorgenwelt“ stellt eine der größten Science-Fiction- und Fantasy-Sammlungen in Süddeutschland zusammen. Wie aus einer „Rotweinidee“ ein Großprojekt wurde.

Der Weg, der zu einer der größten Fantastik-Bibliotheken in Süddeutschland führt, ist recht unscheinbar. Es geht die Heidenheimer Straße im Ulmer Norden hoch, bis man schließlich links in ein Wohngebiet einbiegt. Ein sehr enger, steiler und nicht geteerter Schotterweg führt schließlich durch grünende Bäume. Erst dann taucht das Fort Albeck auf, das 1846 als Teil der Bundesfestung gebaut wurde. Heute sind die Türen verrammelt, auf dem Dach wächst Grünzeug. Nichts lässt vermuten, welcher Bücher-Schatz sich im Inneren des weißen Gemäuers verbirgt. Erst ein unscheinbarer Briefkasten mit der Aufschrift „Übermorgenwelt“ verrät, dass hier der Verein zuhause ist, dessen Mitglieder mittlerweile mehr als 23000 Bücher zusammengetragen haben – ein Alleinstellungsmerkmal in Süddeutschland, wie Vorsitzender Wulf Neuschwander verrät. „Zumindest kennen wir im Vorstand in nächster Umgebung nichts Vergleichbares.“

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Vor vier Jahren startete das Projekt. Als „typische Rotweinidee“, wie Neuschwander erzählt. Bei einem gemeinsamen Abendessen hatten er und ein Freund gemerkt, dass sie beide immer wieder Science-Fiction-Zitate in ihre Gespräche einbauten. „Dann habe ich ihn gefragt, ob er etwa auch dasselbe Zeug liest wie ich“, erinnert sich Neuschwander und lacht. Schnell war der Gedanke geboren, die beiden Buch-Sammlungen zusammenzulegen. Die Räumlichkeiten für die bereits recht ansehnliche Sammlung von rund 3000 Titeln ließen sich schnell finden. „Wir haben unsere alten Kontakte zum Stadtjugendring genutzt und sind so zu Fort Albeck gekommen.“

Das Gemäuer beherbergt nun eine reizvolle Mischung: Alte Steine neben futuristischen Geschichten, das passt ganz wunderbar – finden zumindest die inzwischen mehr als 70 Mitglieder im Alter von sechs bis 88 Jahren. „Wir sind selber überrascht von dem Zuwachs“, erzählt Neuschwander. „Alle paar Wochen kommt ein neues Mitglied hinzu.“ Dabei stehen die riesigen Räumlichkeiten grundsätzlich jedem offen: „Wir legen großen Wert darauf, dass jeder kommen darf, der will.“ Viele Menschen würden das Angebot wahrnehmen – und oft kartonweise Bücher für die Bibliothek vorbeibringen. Erst vor Kurzem hat der Verein wieder ein paar Hundert Bücher gespendet bekommen. „Wir haben hier Platzprobleme ohne Ende“, sagt Neuschwander und zeigt auf die Stapel von Büchern, die alle noch katalogisiert und eingeräumt werden müssen. Erst vor Kurzem haben sie von der Stadt wieder einen Raum dazu bekommen. „Doch wenn das so weitergeht, dann haben wir bald wieder das gleiche Problem.“ Um alle Bücher zu vermerken, brauchen sie wohl noch über ein Jahr, schätzt Neuschwander. „Und das nur, wenn keine neuen dazukommen.“

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Dabei ist die Sammlung bereits sehr umfangreich. Zu den modernen Fantasy-Romanen, die heutzutage die Bestseller-Listen dominieren, gesellen sich Klassiker der Weltliteratur wie Werke von Mary Shelley, Bram Stoker, Edgar Allan Poe oder E. T. A. Hoffmann. „Wir haben schon auch einen literarischen Anspruch, denn es ist auch immer viel Schund dabei. Aber das ist in jedem Genre so“, führt Neuschwander aus. Denn mit den Vampir-Romanzen der vergangenen Jahre können die Mitglieder des Vereins nicht allzu viel anfangen.

Dann schon lieber Klassiker der Science-Fiction wie Isaac Asimov. Oder dem eher speziellen Genre der DDR-Science-Fiction, die gleich mehrere Regale einnimmt. „Sehr interessante Werke sind das, weil sie immer so ein bisschen auf die Amerikaner schimpfen“, sagt Neuschwander und beginnt zu schmunzeln. „Und die DDR-Literatur hat den Vorteil, dass heute keine neuen Werke mehr dazu kommen.“

Das kann man vom Rest der Bibliothek nicht sagen. Noch ist nicht einmal ansatzweise ein Ende in Sicht. Das große Vorbild der Ulmer, die „Phantastische Bibliothek“ im hessischen Wetzlar, führt über 200000 Titel. Den wichtigsten Aspekt einer Bibliothek teilen sich die Sammlungen in Hessen und Ulm aber: „Wir wollen das Buch als solches bewahren und dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche wieder mehr lesen“, sagt Neuschwander. Für dieses Ziel arbeiten sie in vielen Kooperationen mit anderen Institutionen der Stadt wie dem Stadtjugendring, dem Kulturbüro oder der Stadtbücherei. Dazu kommen offene Treffs und sogar eine eigene Radiosendung beim Sender Radio free FM. „Wir sind da ein sehr aktiver Verein. Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendetwas stattfindet.“

Doch längst liegt der Fokus nicht mehr nur auf der Literatur. Auch Spiele- und Diskussionsrunden sind inzwischen fester Bestandteil des Vereinslebens – eben alles, was Menschen zusammenbringt. Einen PC mit Science-Fiction- oder Fantasy-Spielen sucht man dabei vergeblich, wie Neuschwander erklärt. „Wir sind der Meinung, dass die, die nur vor dem Bildschirm hocken wollen, das auch zu Hause tun können.“

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