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Ulm

07.05.2015

Die geheime Sprache der Bäume

Robert Koenig, Künstler, Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg
Bild: Dagmar Hub

Der britische Künstler Brite Robert Koenig arbeitet derzeit mit den alten Kastanien an der KZ-Gedenkstätte. Wie er diesen ihre Geschichten entlockt.

Der 1951 in Manchester geborene Koenig wurde vor allem durch sein Skulpturen-Projekt „Odyssey“ bekannt, in dem er sich mit Flucht und Vertreibung beschäftigt und an dem er seit 1997 an vielen Orten arbeitet. „Odyssey“ hat mit der Biografie des Künstlers selbst zu tun: Seine Mutter, in Polen geboren, war als Zwangsarbeiterin ins nationalsozialistische Deutschland verschleppt worden und wanderte nach der Befreiung nach England aus, wo sie eine Familie gründete.

Die beiden frisch gepflanzten Linden am Eingangstor der Gedenkstätte am Kuhberg haben hoffentlich noch ein langes Baumleben vor sich. In einem weißen Zelt ganz in ihrer Nähe schnitzt Koenig ein Gesicht in einen alten Stamm. Erst jetzt, da das Holz vor ihm liegt, ist erkennbar, wie in sich verdreht der Baum gewachsen war, und ein großes Loch klafft in der Mitte des Stammes. Um diese natürliche Öffnung herum wird Koenig Gesichter gruppieren, wie sie ihm der Baum vorgibt.

Fertig werden wird die Skulptur bis zur Präsentation am 8. Mai, dem 70. Jahrestag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht, nicht – dessen ist sich Koenig sicher. Einen Teil des Tages verbringt er derzeit im Gymnasium und der Realschule der Anna-Essinger-Schulen, wo er mit einem Leistungskurs und mit jüngeren Schülern Holzworkshops macht; die Schüler entwerfen aus Holz der Kastanien eigene Arbeiten, in denen sie sich mit der NS-Vergangenheit vor der Schultür auseinandersetzen. Abends leitet Koenig für Erwachsene einen Holzworkshop. Als offene Werkstatt ist auch das Zelt vor der Gedenkstätte gedacht: Interessierte Spaziergänger kommen vorbei und sprechen Koenig auf seine Arbeit an.

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Unwirklich erscheint DZOK-Pädagogin Annette Lein die Erinnerung an jenen Sonntag, an dem der Sturm die beiden alten Bäume knickte. Ehe sie weggeräumt wurden, fraßen Schafe friedlich das Laub; aber nicht einmal ein Holzhändler wollte die beiden alten geschichtsträchtigen Sturmopfer haben. Als der Künstler Koenig vom Schicksal der Bäume hörte, entschloss er sich, aus den gefällten Riesen eine Skulptur zu gestalten, mit der das Holz an der Stelle seines Wachstums an das Leid der Entwurzelung erinnern kann.

Sanft streicht Koenig über das Holz des alten Baumes. Die 120 Jahre alten Bäume waren schon vor dem Sturm 2013 geschwächt, erklärt er – und verlangt von sich, den Besuchern und den Jugendlichen, die unter seiner Anleitung am Holz arbeiten, respektvollen Umgang mit dem gestorbenen Baum, der Zeitzeuge politischer Geschehnisse war.

„Dramatisch“ sei das Wachstum des Stammes, mit dem er arbeitet, berichtet der Künstler. Eine solche Verwringung im Holz sehe auch er selten. Ein bis zwei Jahre werde es noch dauern, bis das Holz an der Oberfläche trocken ist, im Inneren wird es wohl zehn Jahre dauern. Wie sich der Trocknungsprozess auf die von ihm gestalteten Gesichter auswirken wird? „Das ist unvorhersehbar und gerade deshalb das Spannende“, sagt der Brite. „Deshalb arbeite ich mit Holz und nicht mit Bronze oder Plastik.“

Präsentation: Am Freitag, 8. Mai, präsentieren die beteiligten Schüler um 11.30 Uhr ihre Arbeiten an der Gedenkstätte. Robert Koenig wird vor Ort seine dann noch nicht fertige Skulptur zeigen, für die das DZOK einen trockenen Ort sucht, an dem die Arbeit Koenigs einige Monate ruhen kann, bis der Künstler wieder nach Ulm zurückkehrt.

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