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Neu-Ulm

11.11.2018

Die legendären "Steiger": Als Sportautos aus Neu-Ulm um die Kurven flitzten

Wenn ein „Steiger“ um die Kurve bretterte, hat es mächtig gestaubt: In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts baute der Erfinder und Bastler Walther Steiger in Neu-Ulm einen Sportwagen, der bis heute einen legendären Ruf genießt.
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Wenn ein „Steiger“ um die Kurve bretterte, hat es mächtig gestaubt: In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts baute der Erfinder und Bastler Walther Steiger in Neu-Ulm einen Sportwagen, der bis heute einen legendären Ruf genießt.
Bild: Michael Schick/Repro: Gerrit-R. Ranft

In den 1920er Jahren baute der Tüftler Walther Steiger in einer Neu-Ulmer Werkstatt Autos. Das Unternehmen hielt nicht lange durch – seine Fahrzeuge sind aber bis heute legendär.

Zwischen April und September 2019 feiert Neu-Ulm sein Jubiläum „150 Jahre Stadterhebung“. Die Neu-Ulmer Zeitung, die nächstes Jahr 70 Jahre alt wird, wirft in den kommenden Monaten ein paar Blicke in die Vergangenheit der Kommune, in ihre Gegenwart und – so weit möglich – in die Zukunft. Heute: Autobauer Walther Steiger.

Vor 111 Jahren rollte das erste Auto im Besitz eines Neu-Ulmer Bürgers durch die Straßen der Donaustadt. Architekt Friedrich Schäfer, der zwei Jahre darauf die von ihm selbst in barockisierendem Jugendstil entworfene Villa Augsburger Straße 51 bezog, hatte das Kraftfahrzeug im Jahr 1907 erworben. Fortan musste er mit dem Scherznamen „Autofritze“ leben. Sein Wohnhaus heißt bis heute die Schäfer-Villa. Der private Autoverkehr nahm nur allmählich Fahrt auf, im Land wie auch in Neu-Ulm. Doch schon 13 Jahre nach Schäfers spektakulärem Alleingang wurden in einer kleinen Werkstatt an der Neu-Ulmer Kanonierstraße, die heute die Turmstraße ist, Autos gebaut. Das kleine Unternehmen hielt zwar nur sechs Jahre durch. Doch der „Steiger-Sportwagen“ hat noch heute bei Liebhabern einen legendärer Ruf. Eine Autozeitschrift urteilte 1920 über das 50 PS starke und 115 Stundenkilometer schnelle neue Modell auf den Straßen: „Infolge seiner interessanten, von der allgemein in Deutschland üblichen Bauart abweichenden Konstruktion hat der Steiger-Wagen seit seinem Erscheinen speziell in Sportkreisen viel Anklang gefunden.“

Die Autos aus Neu-Ulm kosteten zwischen 9200 und 15750 Reichsmark

Walther Steiger baute – anfangs in Burgrieden bei Laupheim, ab 1920 in Neu-Ulm – vier Fahrzeugtypen jeweils als Zwei-, Vier- und Sechssitzer mit 50 und 55 PS. Verkauft wurden sie zu Preisen zwischen 9200 und 15750 Reichsmark, als ein Brot 31 Pfennig kostete. Eine zeitgenössische Veröffentlichung schreibt zum „Steiger“, dass „bei der Konstruktion vom Grundgedanken ausgegangen wurde, einen möglichst leichten, nach modernsten Prinzipien hergestellten Wagen zu schaffen“. Ein kleiner, steuerlich begünstigter Motor sollte ihn den großen und schweren Sportwagen der Zeit wirtschaftlich und leistungsmäßig überlegen machen.

„Ziel war, den Steiger infolge einer übersichtlichen Konstruktion und einfachen Bedienung zu einem Fahrzeug zu machen, welches ohne Chauffeur von jedem Liebhaber eines schnellen, rassigen Wagens ohne große Vorkenntnisse bedient werden kann.“ Konstrukteur des ungewöhnlichen Fahrzeugmodells war der am 6. Dezember 1881 im damaligen Ulmer Vorort Söflingen geborene Johann Georg Walther Steiger. Er hatte in der Schweiz, aus der sein Vater stammte, Chemie studiert. Mit 23 Jahren schon leitete er eine Färberei und Bleicherei im heutigen Kroatien. Später zog er nach Burgrieden nahe Laupheim, wo die Eltern eine eigene Färberei aufgebaut hatten. Steiger heiratete 1908 Elisa Einsle. Das Paar hatte vier Kinder, von denen zwei früh starben. Da die Eltern inzwischen in Söflingen eine Weberei in Betrieb genommen hatten, übernahm Steiger 1914 die leer stehenden Anlagen in Burgrieden für eine Maschinenfabrik. Er plante die Produktion von Ackerschleppern, von denen auch ein paar Prototypen hergestellt wurden. Während des Ersten Weltkriegs reparierte sein mittelständisches Unternehmen Flugzeuge und Flugzeugmotoren.

Dass in der oberschwäbischen Provinz ein derartiger Betrieb, der zeitweilig 500 Mitarbeiter beschäftigte, überhaupt bestehen konnte, ermöglichten die königlich-württembergischen Staatseisenbahnen. Sie hatten schon 1904 eine Bahnverbindung von Laupheim über Burgrieden nach Schwendi geschaffen und damit den Anschluss an die süddeutschen Hauptstrecken ermöglicht.

Noch während des Ersten Weltkriegs entwarf Steigers Chefkonstrukteur Paul Henze einen modernen und leistungsfähigen Personenwagen. Schon 1917 wurden Versuchsfahrten unternommen, Mitte 1920 erste Käufer beliefert. Allerdings wurden in Burgrieden lediglich Motoren und Getriebe gebaut.

Die Karosserie wurde hinzugekauft, schon bald aber auch selbst hergestellt. Paul Henze, der im Kriegsjahr 1916 von der Heeresverwaltung nach Burgrieden zwangsversetzt worden war, zog 1922 weiter ins thüringische Suhl. Inzwischen war der gebürtige Dietenheimer Hans Neuer, dessen Bruder in Burgrieden ein Friseurgeschäft unterhielt, zu Steiger gestoßen. Er kam von der „Österreichischen Flugzeugfabrik (ÖFFAG)“ und übernahm bei Steiger die Leitung des Karosseriebaus. Zusammengefügt wurden die Einzelteile von nun an in Neu-Ulm.

Das Ende des Neu-Ulmer Autobaus kam im Januar 1926

Das Ende des Neu-Ulmer Autobaus kam im Januar 1926. Aus einer finanziellen Notlage fand Unternehmenschef Steiger keinen Ausweg. Er war von Beruf Chemiker, dazu Bastler, Tüftler, Erfinder, aber kaum Geschäftsmann. Am 9. Januar wurde die Steiger AG stillgelegt, der Maschinenpark verkauft. Unter den Käufern war der Neu-Ulmer Schmiedemeister und Maschinenhändler Augustin Welte. Verkauft hat Steiger in sechs Jahren immerhin gut 1200 von Hand gefertigte Fahrzeuge, grob überschlagen an jedem Wochentag ein Auto.

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