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Ulm

19.11.2018

Die letzte Stunde der Geschwister Scholl

Die Kammeroper „Weiße Rose“ nähert sich assoziativ auf der Grundlage von Brief- und Tagebuchaufzeichnungen den wenigen Stunden, die den Geschwistern bis zu ihrer Hinrichtung blieben.
Bild: Martin Kaufhold

Udo Zimmermanns Kammeroper „Weiße Rose“ wühlt im Podium des Theaters Ulm Publikum und Sänger auf. Auch, weil die Musik eine Zumutung ist.

Die Parole lautet: Nicht mehr schweigen! Den Satz sprechen, singen und schreien Hans und Sophie Scholl, sie schreiben ihn an die Wand, immer und immer wieder. Und werden doch bald selbst verstummen: Udo Zimmermanns Kammeroper „Weiße Rose“, die nun im gut gefüllten Podium des Theaters Ulm Premiere hatte, spielt in der Todeszelle, in der letzten Stunde, bevor die aus Ulm stammenden Geschwister durch das Fallbeil sterben. Eine Stunde, die nicht für die Figuren, sondern auch für das Publikum eine aufwühlende Erfahrung ist.

Der ermordeten Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl wird heute als Vorbilder, als Helden gedacht. Doch „Weiße Rose“, die nach Anzahl der Einstudierungen erfolgreichste deutsche Nachkriegsoper, erzählt nicht ihre Geschichte, sondern anhand von zusammenmontierten Texten sowohl die Erschütterung, die sie zur Auflehnung gegen das unmenschliche NS-Regime brachte, als auch die Verzweiflung, die sie in den letzten Minuten ihres Lebens spürten.

Im Podium präsentieren sich damit zwei junge Neuzugänge des Opernensembles dem Publikum: die ukrainische Koloratursopranistin Maryna Zubko und der finnische Tenor Joska Lehtinen. Sie agieren in dem von Andreea Geletu inszenierten und von Petra Mollérus ausgestatteten Stück auf einem betongrauen Podest. Die zwei Sänger werden begleitet von einem Henrik Haas geleiteten sechsköpfigen Ensemble mit Streichern, Bläsern und Klavier. Die Musik des 1943 geborenen Zimmermann, ein wichtiger Vertreter der Neuen Musik in Deutschland, ist nicht leicht zu konsumieren. „Weiße Rose“, vollendet 1986, ist überwiegend atonal, mit scharfen Dissonanzen und perkussiven Ausbrüchen, die klingen wie Peitschenhiebe. Musik, die eine Zumutung sein will – und angesichts des Sujets auch sein muss: Hier werden nicht nur zwei Menschen an ihre Grenzen geführt, sondern auch das Publikum.

Musikalische Schönheit blitzt immer nur in kurzen Momenten auf, Trost ist in der Stunde vor der Hinrichtung eine Illusion.

Von den Sängern verlangt die Partitur viel ab: eine große Dynamik, eine klare Artikulation, eine ausgeprägte Fähigkeit zum emotionalen Gestalten. Zubko und Lehtinen gelingt es. Wenn Zubko ihren Sopran in die grellsten Höhen treibt, ist es wie ein schrillender Alarm, ein Signal der größten Spannung und Verzweiflung. Lehtinens Ton ist daneben lyrischer, er verkörpert Trauer und Demut. Beeindruckend, wie sich die beiden dieser körperlichen und emotionalen Grenzerfahrung aussetzen. Eine Leistung, die vom Publikum am Ende mit viel Applaus honoriert wird.

Wieder am 24. November, weitere Aufführungen bis Ende Januar.

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