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Festival

08.06.2018

Die reinigende Wirkung der Musik

Albrecht Schmid

Die 34. Ausgabe der Bachtage bietet ein abwechslungsreiches Programm. Dabei steht nicht immer der Namensgeber im Vordergrund

Den schmutzigen Weidekorb in den Bach halten, bis das Wasser in ihn eindringt. Ihn dann wieder aus der Strömung herausziehen. Das Weidengeflecht wird das Wasser nicht halten. Dafür ist der Korb jetzt sauber. Genau so sei es, den Komponisten Johann Sebastian Bach anzuhören, habe einmal eine Bäuerin behauptet. Zumindest erzählt das Albrecht Schmid, Leiter der Wiblinger Kantorei. Anders als bei Helene Fischer bleibe einem bei Bach zwar keine aufdringliche Melodie im Kopf hängen, die der Hörer später neurotisch mitsummt. Dafür wasche einem die Musik „die Seele durch“. Die Ursache dieses Effekts liege in der perfekten Balance zwischen Intellekt und Emotion, so Schmid. Wer den Notenschlüssel mit dem Hausschlüssel verwechselt, ist bei dem alten Meister deshalb genauso gut aufgehoben wie der Musikexperte im Rollkragenpullover.

Der reinigenden Wirkung entsprechend, fällt das Motto der diesjährigen Wiblinger Bachtage medizinisch aus: „Wirkung und Nebenwirkungen“. Nicht gemeint ist damit, dass der Zuhörer in den zwei Festivalwochen eine Überdosis Bach erleidet. Zumindest käme Schmid ein solcher Zustand nicht in den Sinn. Er denkt eher an die Goldberg-Variationen: Der Graf Hermann Carl von Keyserlingk hatte den Komponisten gebeten, ein Stück zu schreiben, das ihm beim Einschlafen helfe. Bach hat es versucht. Ob es ihm mit den Variationen gelungen ist, ist nicht überliefert. „Ich glaube nicht, eher war der Graf dadurch aufgedreht“, vermutet Schmid, seit 1985 künstlerischer Leiter der Bachtage.

Natürlich beeinflusst das Motto das Programm der 34. Ausgabe der Bachtage: Neben den Goldberg-Variationen, gespielt von Schmid selbst am Cembalo, wird unter anderem das Oratorium „The Messiah“ von Georg Friedrich Händel zu hören sein. Händel hatte in London vor allem Opern komponiert. Beim Publikum kamen die aber nicht wirklich an. Der Komponist litt an Geldnot – befürchtete, er müsse zurück nach Deutschland. Da kam ihm 1742 die Offenbarung zu dem Messias-Oratorium. 22 Tage schrieb er daran, das Publikum liebte es. Die Nebenwirkung: Die Geldsorgen hatten sich erledigt, einen Teil der Einnahmen spendete Händel sogar. „The Messiah“ führt am 17. Juni das Collegium Instrumentale aus Stuttgart in der Söflinger Klosterkirche auf.

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Daneben treten einige hochkarätige Gäste bei den Bachtagen auf, darunter das Amaryllis-Quartett aus Köln, das am 13. Juni einen Abend der „Russischen Töne“ verspricht, mit Werken von Beethoven, Tschaikowsky und Schostakowitsch. Das Eröffnungskonzert findet am Sonntag, 10. Juni, um 20 Uhr in der Martin-Luther-Kirche in Ulm statt. Gespielt wird das Paulus-Oratorium von Mendelssohn Bartholdy.

Neben der Ulmer Kernstadt und Wiblingen, wo das Festival am Sonntag, 19. Juni, um 11 Uhr mit einem Gottesdienst in der Versöhnungskirche zu Ende geht, gehören auch umliegende Dörfer zu den Veranstaltungsorten – etwa Oberkirchberg, wo in der Kirche St. Sebastian am Mittwoch, 20. Juni, um 20 Uhr, Trompeter Musik von Telemann, Bach und Händel spielen.

Wie es Schmid gelingt, so ausgesuchte Musiker in die Region zu entführen? „Die wissen, man wird bei uns nicht berühmt, aber sie wissen auch, dass wir hier gute Musik machen – und freundlich sind.“

Telefonische Vorbestellungen werktags von 17 bis 18 Uhr unter 0731/95024974. Das gesamte Programm unter wiblinger-bachtage.de.

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