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Literaturwoche Donau

22.04.2016

Die starke Stimme der Lyrik

Man kann sie lesen – aber eigentlich sollte man sie gehört haben: Nora Gomringer bei ihrem Auftritt im Rahmen der „Literaturwoche Donau“.
Bild: Andreas Brücken

Nora Gomringer ist die wohl wichtigste deutsche Dichterin ihrer Generation – und trotzdem ein Querkopf. Warum ihr Auftritt in Ulm mehr als eine Lesung ist

Mit ihrem Berufsziel konnte Nora Gomringer in ihrer Familie niemanden schocken. „Na und, dann schreib doch einfach!“, habe ihr Vater auf ihren Wunsch, zu schreiben reagiert, erzählt sie. Der Vater, das ist Eugen Gomringer, Begründer der Konkreten Poesie und in den Anfangsjahren der Hochschule für Gestaltung Ulm Sekretär ihres Mitbegründers Max Bill und noch viele Jahre danach gern gesehener Gast in der Münsterstadt. Tochter Nora, 1980 geboren, erinnert sich gerne an diese Familienausflüge, vor allem an die Übernachtungen im Mövenpick-Hotel. Nun hat sie es mal wieder alleine nach Ulm geschafft: Im Rahmen der „Literaturwoche Donau“ stellte sie im voll besetzten Saal der Museumsgesellschaft Texte aus den vergangenen Jahren vor.

Bei ihrem vorherigen Gastspiel 2011 in Ulm galt Gomringer noch als Poetry-Slammerin. Inzwischen ist sie die lyrische Stimme ihrer Generation. Und nicht nur das: 2015 gewann sie sogar den Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb mit ihrem Prosatext „Recherche“. Trotzdem, so erklärt sie im Eingangsgespräch mit Literaturwochen-Mitorganisator Florian L. Arnold, sei sie immer noch „seltsam für den Betrieb“. Weil sie so viel Leben in ihre Texte packt, öfter mit Musikern zusammenarbeitet (in der Museumsgesellschaft wird sie von Gitarrist Ayhan Coskun begleitet) und auch sonst keine außerliterarische Inspiration scheut.

Vor allem kann sie aber eines: Vortragen. Gomringer spricht, flüstert, schreit, singt und keucht, wenn sie ihre Texte rezitiert, sie verdreht die Augen und reckt die Hände nach oben. Auf den Poetry-Slam-Bühnen hat sie gelernt, wie man ein Gedicht zu einem Rocksong machen kann. Doch anders als gewöhnliche Slam-Poesie, die allzu oft nach Beifall heischt, verpuffen Gomringers Worte nicht, wenn dieser verebbt. Weil sie anspielungsreich („Ich bin Rilkes Panther-Tierpfleger“), humorvoll („Denn, wenn er nicht gestorben wäre, dann lebte er noch heute“) und auch tief bewegend sind, wie in einem Gedicht über ein jüdisches Schicksal in der NS-Zeit, das Gomringer für ein Schulbuch verfasste: „Ich habe die Sterne alle verbrannt, jetzt ist jede Nacht schwarz.“

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Der Holocaust, sagt die Lyrikerin, spiele in fast jedem ihrer Bände eine Rolle. Doch gedichtfähig ist bei ihr fast jedes Thema: Zuletzt erschienen von ihr unter anderem Textsammlungen zum Thema Angst („Monster“) und Krankheit („Morbus“). Ihre Texte sind nicht nur in Büchern zu finden, sondern auch an ungewöhnlichen Orten, wie sie bei der Lesung in Ulm berichtet: Zum Beispiel an der Decke einer Frauenarzt-Praxis: „Aufgeklappt schaue ich Ihnen nicht in die Augen, Madame.“ Ja, manchmal ist Gomringers Kunst, die viel von Kurt Schwitters’ Dada-Lyrik gelernt hat, auch verstörend. Aber immer: mitreißend. Mit Veranstaltungen wie dieser ist die „Literaturwoche Donau“ im dritten Jahr ihres Bestehens auf dem besten Weg, sich unentbehrlich zu machen.

Heute, Freitag, stellt Sebastian Guggolz im Rahmen der Literaturwoche seinen Verlag in der Venet-Haus-Galerie vor. Morgen, Samstag, präsentiert sich der Unionsverlag in der Ulmer Kulturbuchhandlung Jastram. Beide Veranstaltungen beginnen um 19.30 Uhr. Der für Sonntag bei Jastram angekündigte Abend mit Benno Käsmayr vom Maro-Verlag entfällt hingegen. Weitere Informationen über das Programm der Literaturwoche online unter literatursalonulm.com

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