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Serie

19.04.2011

Die ungeliebte Nackte

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Im Innenhof des Edwin Scharff Museums steht die Bronzeplastik der „Pandora“, die einst für einen Skandal sorgte

Überall in den Museen und Sammlungen der Region warten Schätze auf den Besucher: Manche sind spektakulär, andere ganz unscheinbar. Doch hinter allen stecken Geschichten: In unserer Serie „Das besondere Stück“ erzählen wir sie.

Neu-Ulm Die Duisburger hätten ihre „Pandora“ gerne wieder. Unbekannte Täter entwendeten die zweieinhalb Meter große Statue vor einigen Wochen, seitdem fehlt jede Spur von dem Werk des Bildhauers Edwin Scharff. Die Neu-Ulmer wollten ihre „Pandora“ zuerst gar nicht haben – obwohl Scharff (1887-1955) seiner Geburtsstadt die Plastik in seinem Testament vermachte. Heute hat die 1951 entstandene „Pandora“ einen Ehrenplatz im Innenhof des Edwin Scharff Museums, in dem die Stadt das künstlerische Erbe ihres bedeutenden Sohns der Öffentlichkeit präsentiert.

Der Künstler vermachte das Werk seiner Geburtsstadt

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Die „Pandora“ und Neu-Ulm – das war zunächst eine schwierige Verbindung. Denn Scharff hatte in seinem Testament nicht nur die Übergabe an die Stadt verfügt, sondern gleich auch einen Ort für sein bedeutendes Werk bestimmt: Auf dem Schwal, unweit des Ehrenmals sollte die Statue aufgestellt werden – was in den 50er-Jahren für einen Aufschrei sorgte. Das Problem: Die Neu-Ulmer „Pandora“ ist völlig nackt. „Heute ist dieser Volkszorn kaum mehr nachzuvollziehen“, sagt Museumsleiter Dr. Helga Gutbrod. „Doch das war der Zeitgeist der prüden 50er-Jahre.“ Aus dem Frauenbund habe es unter anderem Stimmen gegeben, die unerwünschte Nackte auf den Löwen vor St. Johann Baptist zu setzen und beide in die Wüste zu jagen.

Erst viel später rang man sich in der Stadt dazu durch, das Erbe anzunehmen und der „Pandora“ einen angemessenen Platz zu geben, wenn auch nicht auf dem Schwal. Zur Einweihung des Edwin-Scharff-Hauses am Donauufer 1978 platzierte man das Werk dort, zur Eröffnung des Museums am Petrusplatz 1999 zog die Bronzegöttin an ihren jetzigen Standort.

Hatte Scharff vielleicht sogar mit solch ablehnenden Reaktionen gerechnet? „Vielleicht war es ein wenig süffisant gemeint“, vermutet Gutbrod. Zur Figur der „Pandora“ würde es passen, war die Göttin laut griechischer Mythologie doch ein Rachegeschenk des Göttervaters Zeus an die Menschheit, die ihm in Gestalt von Prometheus das Feuer geraubt hatte. Mit dabei hatte die von den anderen Göttern mit Schönheit und Anmut ausgestattete Frau eine Büchse, und als diese unvorsichtigerweise geöffnet wurde, kamen durch sie Arbeit, Krankheit und Tod in die zuvor paradiesische Welt. Nur die Hoffnung bleibt in Pandoras Büchse zurück.

Fast arrogant blickt die Figur auf den Betrachter

Doch Edwin Scharffs „Pandora“ hat keine Büchse, sondern steht ganz nackt da – anders als die zwei Jahre später entstandene und nun verschwundene Duisburger „Pandora“, deren Beine von einer weit nach unten verrutschten Draperie verdeckt werden. Fast arrogant präsentiert sie überlebensgroß ihre weiblichen Formen dem Betrachter, den kleinen Kopf leicht nach hinten gelegt, die Arme im Rücken gekreuzt. Keine liebliche Schöne, sondern ein majestätisches, sogar bedrohliches Weib. Wenig Details hat Scharff herausgearbeitet, die Oberfläche ist glatt und schimmernd, die ganze Figur scheint unter Spannung zu stehen, wie es typisch ist für das späte Werk des Bildhauers. Eine bedeutende Arbeit von Scharff – und eines der wertvollsten Stücke des Neu-Ulmer Museums.

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