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Ulm

15.02.2015

Die vergessene Kirche

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2 Bilder
Schlichte Eleganz: Der Innenraum der katholisch-apostolischen Kirche ist von klarem Weiß geprägt. Aufgemalte Ornamentbänder gliedern die Architektur.
Bild: Dagmar Hub

Das Gotteshaus der katholisch-apostolischen Gemeinde am Alten Friedhof gehört zu den unbekanntesten Denkmälern Ulms. Dabei hätte der Bau höchste Beachtung verdient.

Zwei große Kirchen begrenzen den alten Ulmer Friedhof: im Süden die Georgskirche, 1902 bis 1904 im neugotischen Stil erbaut, im Norden die Pauluskirche, wenige Jahre später als eine der ersten Betonkirchen überhaupt von Theodor Fischer im Jugendstil errichtet. Der aufmerksame Spaziergänger aber bemerkt – außer der im 19. Jahrhundert erbauten kleinen Friedhofskapelle – noch einen dritten markanten Sakralbau am Rand des Friedhofs, der praktisch immer verschlossen ist und äußerlich völlig unscheinbar wirkt: Dieses Gotteshaus der katholisch-apostolischen Gemeinde, das im Südosten an den Gottesacker angrenzt, ist jedoch ein Meilenstein der Architekturgeschichte, geschaffen von Theodor Veil, dem Büroleiter des bedeutenden Düsseldorfer Architekten Peter Behrens.

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Das Ensemble aus Sakralbauten am Rand des Alten Friedhofs ist ein außergewöhnlicher Spiegel der Entwicklung vom Historismus zur Vormoderne auf engstem Raum, und die in Ulm weitgehend unbekannte Kirche der katholisch-apostolischen Gemeinde stellt unter den dreien den weitesten Vorgriff in die Moderne dar. Sie markiert in ihrer grafisch strengen Ausrichtung bereits die Abkehr von der Formensprache des Jugendstils, der eigentlich erst mit dem Ersten Weltkrieg endete.

Theodor Veil war Büroleiter bei Peter Behrens, einem der einflussreichsten deutschen Gestalter des 20. Jahrhunderts. Veil und Behrens standen in einem regen konstruktiven Austausch; Behrens’ Thema der Quadratur des Kreises beschäftigte auch Veil stark. Nachdem sich der Sohn eines Missionars 1906 beruflich selbstständig gemacht hatte, war der Kirchenbau der katholisch-apostolischen Gemeinde der erste Auftrag für einen Sakralbau, den der damals 27-Jährige erhielt. Ein Jahr später konnte die Kirche eingeweiht werden, kurz bevor der Bau der noch dem Jugendstil verhafteten Pauluskirche begann.

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Wer die Chance hat, das Gotteshaus betreten zu können, nimmt zunächst die bis ins Detail stimmige geometrische Raumwirkung wahr. Schlicht, streng und mit den Farben und Formen toskanischer Marmorfassaden der Frührenaissance erinnert das Gebäude auf den ersten Blick an zwei der schönsten italienischen Kirchen, Santa Maria Novella und San Minato al Monte in Florenz. Das klare Weiß, das zur Bauzeit der katholisch-apostolischen Kirche 1906/07 revolutionär gegen den prägenden Historismus der Zeit gewirkt haben muss, wird an den eckigen Säulen mit blaugrünen Ornamentbändern gesäumt, ockerfarbene Friese grenzen die Stockwerke und den Chorraum ab. Braun geränderten quadratischen Zierelementen sind wiederum in kleineren Quadraten Kreise einbeschrieben – ein Zeichen der intensiven Zusammenarbeit von Veil und Behrens. Die Voluten der Kirchenbänke greifen dieses Motiv wiederum auf. Das Blaugrün der geometrischen Ornamentik findet sich wieder in den ionisch anmutenden Kapitellen der Säulen und selbst in der Orgel, die zu den historisch wichtigen Pfeifenorgeln in Ulm und Oberschwaben gehört. Veil schuf auch die Lampen, die sich wiederum rund gegen die quadratisch-geometrische Elemente absetzen.

Das architektonische Gesamtkunstwerk wird von katholisch-apostolischen Gläubigen aus der weiten Umgebung noch für Gottesdienste genutzt, doch hat diese christliche Gemeinschaft, die sich 1831 in England bildete, große Sorgen. Gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland noch 70000 Mitglieder, so existieren heute nur noch Restgemeinden, deren Gottesdienste von Laienhelfern und bisweilen von Unterdiakonen geleitet werden.

Ausgangspunkt der katholisch-apostolischen Gemeinden war eine apokalyptisch geprägte Bewegung; unter dem Eindruck endzeitlicher Prophezeiungen wurden in englischen Albury zwölf Apostel berufen, deren Aufgabe es war, die Menschen weltweit auf ein zweites Kommen Jesu vorzubereiten. Seit dem Tod des letzten Apostels 1901 können keine Ordinationen mehr vorgenommen werden; in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts verstarben die letzten ordinierten Amtsträger hochbetagt. Die Gottesdienste der christlichen Gemeinschaft basierten in ihrer Liturgie auf anglikanischen, römisch-katholischen und orthodoxen Elementen. Für eine vollständige Liturgie waren 60 Zeremonianten nötig. Heute fehlt den katholisch-apostolischen Gemeinden die geistige Leitung, in den Gottesdiensten werden nur noch Predigten aus jener Zeit verlesen, als es noch ordinierte Amtsträger gab. Der siebenarmige Leuchter brennt in den Gotteshäusern nicht mehr, das Rauchfass bleibt unbenutzt.

In Ulm gibt es inzwischen nur noch ein einziges Mitglied der katholisch-apostolischen Gemeinschaft. Das Kirchengebäude selbst gehört der katholisch-apostolischen Gemeinde in Stuttgart, die es 1991 umfassend sanieren ließ. Ein Jammer, dass dieses architektonische Kleinod seine Türen nicht öfter für Besucher öffnet.

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