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Ulm

18.02.2018

Dieser alte junge Faber

Er sieht jung aus, aber er hört sich alt an: Faber bei seinem Konzert im ausverkauften Roxy. Der Schweizer Sänger ist einer der Senkrechtstarter des vergangenen Jahres.
Bild: Horst Hörger

Nur echt mit der Reibestimme: Der Schweizer Senkrechtstarter zeigt im ausverkauften Roxy sein außergewöhnliches Talent – aber auch noch ein paar Schwächen.

„Ziemlich süß“ findet ihn die eine Freundin, „sexy“ die andere. Eine dritte, etwas Ältere, flüstert verschwörerisch vor dem Roxy-Eingang: „Wenn ich 20 Jahre jünger wäre  …“ Es ist schon gemein: Da gibt es diese ganz normalen Typen, mittelattraktiv, mittelschlau, mittel-alles, und dann gibt es so einen wie Faber – der zu allem Überfluss auch noch Talent hat. So viel, dass er mit nur einem Album („Sei ein Faber im Wind“) im Kreuz die große Roxy-Werkhalle ausverkauft, obwohl das Konzert vor ein paar Monaten noch für die kleine Cafébar angesetzt war.

Das Talent (und auch das Aussehen) hat er geerbt: Faber ist der Sohn des speziell im Süden Deutschlands populären italienisch-schweizerischen Liedermachers Pippo Pollina. Der ist schon keiner, der beim Singen mit Gefühlen geizt. Sohnemann Julian, erst 24 Jahre alt, hat zudem kein Problem damit, Emotionen wie Wut oder auch Enttäuschung in seine Texte zu packen. Und natürlich ist das innerhalb der deutschsprachigen Popmusik noch immer ein bisschen Skandal und hihi, wenn einer „ficken“ singt. Die Debatte darüber, ob es authentisch oder chauvinistisch oder vulgär ist, wenn Faber in einem seiner bekanntesten Songs „Warum, du Nutte, träumst du nicht von mir?“ fragt, hat seiner Karriere sicher nicht geschadet. AnnenMayKantereit sind die Musterschüler ihrer Generation, Faber ist der coole Rebell. Und während das kehlige Röhren des Kölners Henning May immer ein bisschen eingeübt wirkt, traut man dem Zürcher Julian Pollina sogar zu, dass er filterlose Zigaretten und Bourbon frühstückt.

Im Roxy muss Faber erst einmal gar nicht viel tun, damit die Fans durchdrehen; wenn auch zunächst eher innerlich, überall große Augen, große Ohren. Der Wuschelkopf steht mit seiner vierköpfigen Begleitband auf der mit übergroßen Schneewittchen-Standspiegeln dekorierten Bühne und singt wie schmieriger alter Bock „Zieh dich aus, du kleine Maus“. Dieser junge Pop-Expressionist erzählt mit Greisenstimme vom Vollsein in der leeren Tram, von Hafenhuren in Bratislava, von den verflossenen Lieben und vom allzu einfachen Leben in der linksalternativen Bürgerlichkeit. Der Bursche ist schon gut, aber es gibt schon einen Grund, warum Tom Waits kein 24-jähriger Zürcher ist.

Man darf bei dem ganzen Hype um diesen Faber nicht vergessen: Für ihn ist das erst der Anfang. Auf der Bühne ist er fast schüchtern, auch wenn er sich deutlich über die „DDR-mäßigen“ Absperrungen beschwert, die ihn von seinen Fans trennen. Ein richtiger Performer ist er aber nur, wenn die Musik läuft. Und es klingt jetzt nicht unbedingt brandneu und makellos, wie Faber und seine Mitmusiker Balkan-Pop, Cumbia, Akustik-Folk, Chanson, Dschungelbuch und etwas plumpen Humpa-Humpa-Ska zusammenschrabbeln. Aber bei Letzterem natürlich: Pogo-Schub auf der Tanzfläche.

Wer nicht damit nur beschäftigt ist, den jungen Schweizer süß und sexy zu finden, findet ihn ziemlich sicher klug, mutig, einfallsreich. Die anderen freuen sich, dass er am Ende seines Auftritts nur noch im Unterhemd da steht.

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