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Corona-Krise

21.04.2020

Drogeriekönig juckt Verordnung nicht: Erwin Müller lässt Muskeln spielen

Zwei Etagen trotz anderslautender Verordnung offen: Bei Abt in der Hirschstraße kann trotz Corona in der „Lifestylewelt“ im EG und im Untergeschoss eingekauft werden.
Bild: Oliver Helmstädter

Plus Der mächtige Milliardär Erwin Müller schert sich nicht um die Corona-Richtlinien. Auch am Dienstag bleiben Teile von Abt in Ulm offen. OB bringt „Zwangsmaßnahmen“ ins Spiel.

Wir befinden uns im Jahre 2020 nach Christus. Ganz Ulm ist von den Corona-Verordnungen besetzt. Ganz Ulm? Nein! Ein von einem unbeugsamen Milliardär bevölkerter Laden hört nicht auf, der Viren-Verordnung Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für Erwin Müller, der gegen jeden Widerstand Teile von Abt und das komplette Müller-Kaufhaus in der Ulmer Fußgängerzone offen lässt.

Doch im Gegensatz zu Asterix und seinen Galliern gilt Müller nicht als unumstrittener Held beim Fußvolk. "Entweder man ist ein Müller oder der Müller", kommentiert der Ulmer Spielwarenhändler Jürgen Gänßlen das Verhalten des Milliardärs. Eine Lex-Müller? Denn eigentlich dürfte der Drogeriekönig weder sein komplettes Kaufhaus noch die zwei Stockwerke von Abt offen halten. Die Stadt Ulm kommunizierte klar die Richtlinien: Nur Geschäfte bis zu einer Maximalgröße von 800 Quadratmetern dürfen öffnen. Die Absperrung von Stockwerken, wie es etwa auch bei Kaufhof Galeria im Gespräch war, sei nicht zulässig. Müller scheint das nicht zu interessieren, auch am Dienstag waren Teile von Abt und das Müller-Kaufhaus offen.

Gilt in Ulm eine Lex-Müller?

Ulms OB Gunter Czisch wehrt sich auf Anfrage unserer Redaktion gegen den Vorwurf einer Lex-Müller: "Bei der Anwendung der einschlägigen Vorschriften gibt es für niemanden Sonderrechte", sagt Czisch. Schon deshalb nicht, weil die Stadt bei allen Öffnungen keine Erlaubnis erteilt habe, sondern nunmehr kontrollieren müsse, ob die Vorschriften eingehalten wurden. "Das ist ein sehr entscheidender Unterschied."

Müller, einer der Reichsten laut Forbes-Liste

Ulmer Händler, die ihren Namen nicht in diesem Text lesen wollen, sehen den Einfluss von Müller in Ulm kritisch. Der Einfluss ergibt sich allein durch seinen Reichtum: Der 87-jährige Erwin Müller wird auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt auf Platz 660 geführt und sein Unternehmen beschäftigt 35.000 Menschen, setzt pro Jahr über vier Milliarden Euro um und ist einer der großen Ulmer Immobilienbesitzer.

Erwin Müller kam persönlich zur Eröffnung des neuen Abt in der Ulmer Hirschstraße im vergangenen Jahr.
Bild: Oliver Helmstädter

Wenige Eingeweihte wissen, was Müller alles in Ulm gehört. Aber selbst anhand der drei bekannten Müller-Immobilien (Müller-Kaufhaus, derzeitiger Abt und Ex-Abt am Münsterplatz), wird sein Einfluss deutlich. Wie berichtet, drohte der Ex-Friseur in der Auseinandersetzung mit der Stadt Ulm im Zusammenhang mit der Ansiedlung eines Hotels im Ex-Abt unverhohlen: "Wenn sie mich ärgern, dann lass’ ich alles so stehen."

Schließung von Müller und Abt im Hauruck-Verfahren?

In Sachen Abt sieht der OB die Stadt in der undankbaren Rolle des Überbringers einer unliebsamen Botschaft. In den vergangenen Wochen habe es sich gezeigt, dass neue Richtlinien, die für den nächsten oder übernächsten Tag gelten und umgesetzt werden, keine Zeit ließen, in einem geordneten Verfahren verlässlich für alle Beteiligten zu klären, wie diese umzusetzen sind. "Wir halten dieses Vorgehen für außerordentlich unbefriedigend." Gleichfalls schwierig nachzuvollziehen seien Regelungen, die sich von Land zu Land unterscheiden, vor allem für Unternehmen, die bundesweit tätig sind. Eine Schließung von Müller und Abt im Hauruck-Verfahren kommt für Czisch nicht infrage: Selbstverständlich sei in einem Rechtsstaat, dass Zwangsmaßnahmen einer ausführlichen schriftlichen Begründung bedürfen und der Betroffene die Gelegenheit hat, zu widersprechen und seine Argumente vorzutragen. Czisch: "Deshalb erwarten wir die Einsicht der Betroffenen, um uns die zeitaufwendigen rechtlichen Verfahrensschritte zu ersparen."

Erwin Müller selbst sagt dazu nichts

Müller betreibt auch ein Vorzeigekaufhaus in der Hirschstraße.

Gerade Regelungen, die sich von Land zu Land unterscheiden und in der Doppelstadt besonders sichtbar werden, würden in der Bevölkerung auf große Unverständnis stoßen. "Ich halte dies für nicht mehr tragbar, wenn wir wollen, dass die Akzeptanz bei Bevölkerung und Unternehmen weiterhin hoch sein soll." Müller wird seinen Geschäften in Ulm wohl weiter in (fast) vollem Umfang nachgehen. Seine Anwälte gelten in der Branche als berühmt berüchtigt.

Von Müller selbst war am Dienstag keine Stellungnahme zu bekommen. "Von den Reichen kann man das Sparen lernen", sagt eine Müller-Beschäftigte, die ihren Namen hier nicht lesen will. In der Belegschaft sorge zudem für Unmut, dass das Unternehmen in Teilen Kurzarbeit angemeldet habe. Und Müller, der Betriebsräte scheut, spart Geld nicht nur über Kurzarbeit: Der dreiprozentige Rabatt wurde erst auf zwei Prozent gekürzt. Und nun fehlt der Gutschein auf den Thermopapier-Einkaufszetteln ganz.

Einen Kommentar dazu lesen Sie hier: Erwin Müller verhält sich skandalös

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Die Diskussion ist geschlossen.

21.04.2020

Er pokert eben darauf, dass diese Regelung rechtswidrig ist.

Ich finde es auch mehr als kritisch, dass man die großen, weiträumigen Filialen dicht hält und sich die Leute dann durch die engen Gänge von z.B. Rossmann (Erfahrungswerte aus den Augsburger Filialen. Keine Ahnung, wie es in Ulm aussieht) drängen, wo man ohne Körperkontakt kaum im Gang an jemandem vorbei kommt.

Außerdem ist die 800 m2 Regelung bei den Haaren herbeigezogen. Was spricht dagegen, wenn die Verkaufsfläche durch Absperrung effektiv unter 800m2 gebracht wird?

Und dann gehts noch weiter: geht man etwas weiter in die Dörfer gibt es teils nur ein Drogeriemarkt im Einzugsgebiet und der nächste ist Kilometer weit entfernt. Diese zu schließen wäre fatal, da Drogeriemärkte für die persönliche und Haushaltshygiene elementar sind.

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22.04.2020

Wenn ich auch dagegen bin, dass Millidäre unseren Alltag bestimmen, gebe ich Herrn Müller recht. Gesetze und Verordnungen sollten ein Mindestmaß an gesundem Menschenverstand beinhalten. Und was spricht dagegen, das Sortiment auf reduzierter Ladenfläche anzubieten? Klar könnte die Polizei den Laden gewaltsam schließen, aber wenn die Regelungen verfassungswiedrig sein sollten, gibt es im Nachhinein einen sehr unangenehmen und teuren Schadensersatzprozess für die Stadt.

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21.04.2020

Da muss die Stadt durchgreifen und auch Milliardäre einbremsen. Unglaublich wie manch einer denkt, über dem Gesetz zu stehen.

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