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Nersingen/Landkreis Neu-Ulm

28.01.2021

Droht im Landkreis Neu-Ulm ein Hausärzte-Mangel?

Laut dem Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) gibt es im Landkreis Neu-Ulm genügend Hausärzte. Doch auf dem Land droht ein Engpass.

Plus In Nersingen praktizierten 2019 noch sieben Hausärzte, jetzt sind es nur noch fünf. Wie steht es um die ärztliche Versorgung im Landkreis Neu-Ulm?

Dr. Heinrich Luible war 35 Jahre lang mit Leib und Seele Hausarzt in Nersingen. Als er ins Rentenalter kam, begann er mit der Suche nach einem Nachfolger für seine Praxis – doch jahrelang bemühte er sich erfolglos. Ein Beispiel für viele andere Ärzte? Wie steht es um die ärztliche Versorgung im Landkreis Neu-Ulm?

Drei Jahre lang inserierte Luible in Fachzeitschriften, suchte im Internet, schaltete einen Praxismakler ein. Doch es half alles nichts: „Da hat sich fast niemand gemeldet“, berichtet der Mediziner. „Manche Ärzte aus Ulm und Neu-Ulm haben sich das angeschaut, aber die wollten nicht aufs Land.“ So entschloss sich Luible im Juli 2020 schweren Herzens, zu seinem 70. Geburtstag, seine Praxis aufzugeben. Die Tatsache, dass erst im Jahr davor zwei Arztsitze in Nersingen weggefallen seien, weil sich auch dort kein Nachfolger gefunden habe, habe die Situation für ihn noch schwieriger gemacht.

In letzter Minute Nachfolgerin für Praxis in Nersingen gefunden

„Durch Zufall habe ich dann von einer Kollegin erfahren, die in Neu-Ulm angestellt war und sich selbstständig machen wollte“, sagt Luible. So habe er sozusagen in letzter Minute doch noch eine Nachfolgerin gefunden. Anfang dieses Jahres habe Dr. Caroline Davies seine Allgemeinarztpraxis übernommen.

„Ich bin sehr glücklich, dass es jetzt weitergeht“, so Luible. „Es wäre mir schon sehr schwergefallen, einfach zu sagen: Ich sperre jetzt zu.“ Wie Luible schildert, gab es bis 2019 in Nersingen noch sieben Hausärztinnen und -ärzte. Dadurch, dass er eine Nachfolgerin gefunden hat, sind es jetzt noch fünf. Doch genügt das für eine Gemeinde mit mehr als 9000 Einwohnern? Und wie sieht es im übrigen Landkreis mit der hausärztlichen Versorgung aus?

So ist die Situation im nördlichen und südlichen Landkreis Neu-Ulm

„Die Bedarfsplanung in Deutschland nimmt nicht einzelne Gemeinden oder Städte, sondern ganze Regionen, sogenannte Planungsbereiche ins Visier“, erläutert Dr. Axel Heise, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB). Ein Arzt soll 1609 Patienten versorgen. Nersingen gehört zum Planungsbereich Neu-Ulm, ebenso wie Elchingen, Holzheim, Pfaffenhofen, Senden, Vöhringen, Weißenhorn, Bellenberg, Roggenburg und die Große Kreisstadt. In diesem Gebiet versorgen 105 Hausärzte etwa 145000 Einwohner.

Da nicht alle Vollzeit arbeiten, entspricht dies circa 95,5 Vollzeitstellen. Der Versorgungsgrad beträgt fast 107 Prozent. Damit sei der vom Gemeinsamen Bundesausschuss, dem höchsten Gremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, anvisierte Schnitt im Planungsbereich Neu-Ulm (über-)erfüllt, so Heise. Das gilt ebenso für den südlichen Landkreis. Im Bereich Illertissen liegt der Versorgungsgrad bei 111 Prozent. Auch dort konstatiert die KVB also eine Überversorgung.

In der Stadt Neu-Ulm gibt es mit 51 Hausärzten ein Überangebot

Allerdings zeigt der Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns auch, dass es Ärzte vor allem in größere Städte zieht: Im Planungsbereich Neu-Ulm ist mit 51 Hausärzten fast die Hälfte der Mediziner in der Stadt Neu-Ulm angesiedelt. Der Trend gehe hin zu Medizinischen Versorgungszentren, in denen sich mehrere Ärzte zusammentun, nennt Dr. Heinrich Luible eine Erklärung. „Die Ein-Mann-Praxis will heute kaum noch jemand machen.“

Das liege auch an der Bürokratie, die in den vergangenen Jahren stark zugenommen habe. Als Einzelkämpfer habe man es da schwer. Zudem legten die jüngeren Ärzte mehr Wert auf eine Work-Life-Balance. Das bestätigt KVB-Sprecher Axel Heise: „Die ,neue’ Generation an Medizinern arbeitet heute vermehrt angestellt und in Teilzeit. Für das Arbeitsvolumen, das früher ein Arzt geleistet hat, braucht es künftig gegebenenfalls zwei Ärzte in Teilzeit.“

40 Prozent der Hausärzte in der Region sind 60 Jahre oder älter

Der Versorgungsatlas zeigt auch, dass viele Hausärzte bald in Rente gehen werden. Im Planungsbereich Neu-Ulm liegt das Durchschnittsalter mit 55,9 Jahren leicht über dem bayerischen Durchschnitt (55,2). 40 Prozent sind 60 Jahre oder älter.

„Wenn man sich die Zahlen anschaut, kann man absehen, dass in fünf bis zehn Jahren ein Versorgungsengpass auf uns zukommt“, befürchtet Heinrich Luible. Und er gibt zu bedenken: Solange man mobil sei, könne man natürlich auch nach Ulm oder Neu-Ulm zum Arzt fahren. Viele Senioren hätten damit aber ein Problem. Manche seien darauf angewiesen, dass ein Doktor auch Hausbesuche mache.

Was die Politik vor Ort gegen den Ärztemangel tun kann

Die KVB beobachtet die Entwicklung sehr genau. „Aktuell mangelt es nicht nur im Bereich der niedergelassenen Haus- und Fachärzte an Nachwuchs, sondern im gesamten Gesundheitssektor“, sagt Axel Heise. „Daher ist eine Erhöhung der Studienplätze für Humanmedizin, wie aktuell an der Uni Augsburg, unbedingt notwendig, wenn man auch weiterhin eine hochwertige medizinische Versorgung im Freistaat gewährleisten möchte.“

Die Politik vor Ort könne attraktive Praxisräume anbieten und damit versuchen, Hausärzte in einer Gemeinde anzusiedeln, wenn Niederlassungsmöglichkeiten frei werden. Auch Arbeitsmöglichkeiten für den Lebenspartner sowie gute Betreuungsmöglichkeiten für Kinder könnten gute Argumente für Ärztinnen und Ärzte sein, sich in einer Gemeinde anzusiedeln.

Kreisspitalstiftung Weißenhorn will Arztpraxis in Illertissen retten

Wie schwierig es mitunter ist, einen passenden Nachfolger für eine Praxis zu finden, zeigt sich auch am Beispiel Illertissen. Wie berichtet, will die Kreisspitalstiftung Weißenhorn dort einen medizinischen Kassensitz erwerben, um eine seit 37 Jahren bestehende Praxis für Allgemeinmedizin weiterzuführen und so die hausärztliche Versorgung aufrechtzuerhalten.

Doch bislang blieb die Suche nach einem Nachfolger erfolglos, wie Pressesprecherin Edeltraud Braunwarth sagte. Dieser Tage hat die Stiftung einen weiteren Anlauf unternommen und eine Anzeige im Deutschen Ärzteblatt geschaltet. Braunwarth: „Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben.“ In der Vergangenheit hat die Kreisspitalstiftung im Landkreis bereits insgesamt sieben Kassensitze gekauft.

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