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Neu-Ulm

22.09.2019

Ein Porträt über Pfuhl: Vom Bauerndorf zum großen Stadtteil

Pfuhl aus der Luft betrachtet: Der Ort ist von der Zahl der Bewohner her der drittgrößte Stadtteil Neu-Ulms, von der Fläche her sogar die Nummer eins. Am Wochenende und bei einer Veranstaltung am 3. Oktober feiert Pfuhl das 775-jährige Bestehen.
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Pfuhl aus der Luft betrachtet: Der Ort ist von der Zahl der Bewohner her der drittgrößte Stadtteil Neu-Ulms, von der Fläche her sogar die Nummer eins. Am Wochenende und bei einer Veranstaltung am 3. Oktober feiert Pfuhl das 775-jährige Bestehen.
Bild: Gerrit-R. Ranft

Pfuhl feiert sein 775-jähriges Bestehen. Wir werfen einen Blick in die Geschichte des Ortes und erinnern an das große Jubiläum vor 25 Jahren.

Zwischen April und September 2019 hat Neu-Ulm mit großem Aufwand sein Jubiläum „150 Jahre Stadterhebung“ gefeiert. Die Neu-Ulmer Zeitung, die heuer 70 wird, hat in diesen Monaten ein paar Blicke in die Vergangenheit der Kommune getan, in ihre Gegenwart und – so weit möglich – in die Zukunft. Heute: Pfuhl.

Der Stadtteil Pfuhl liegt gut 3000 Meter nordöstlich des Neu-Ulmer Rathauses. Der Ort zählte zum Jahreswechsel 10258 Einwohner. Damit belegt er den dritten Platz unter den 14 Stadtteilen Neu-Ulms. Seine Grundfläche beläuft sich auf gut neun Quadratkilometer, die den Ort an die erste Stelle rücken.

Damals gab es einen Festumzug mit 25000 Teilnehmern

Pfuhl wird urkundlich erstmals im Jahr 1244 genannt. Das ist 775 Jahre vor heute, eine mächtige Zeitspanne – vor allem im Vergleich mit den 205 Jahren der ersten Erwähnung des Namens Neu-Ulm. Ein Festabend mit Reden, Film und dem Auftritt eines Magiers findet aus diesem Anlass am Samstag statt (wir berichteten). Ein großes Jubiläumsfest hatten sich die Pfuhler mit besonderer Hingabe schon zum 750. Jahrestag gegönnt. Voller Stolz und Eifer hatten sie zum Jubelfest Mitte Juni 1994 aufgeboten, was immer sich aus den Jahrhunderten seiner Geschichte optisch und akustisch vorführen ließ. Manch einem unter den gut 25000 Festteilnehmern mochte es wie ein letztes Aufbäumen gegen den endgültigen Verlust der dörflichen Eigenständigkeit 17 Jahre zuvor erscheinen. Immerhin hatte das Bauerndorf länger als ein halbes Jahrtausend zur Freien Reichsstadt Ulm gezählt. Seine Bewohner galten als „Pfahlbürger“, die zwar das Ulmer Bürgerrecht besaßen, aber eben nicht innerhalb der Stadtmauern wohnen mussten, sondern mit gewissen Freiheiten draußen bei den das Außenwerk bildenden „Pfählen“. Von daher auch das Pfuhler Wappen mit den ulmischen Farben Schwarz und Silber und zwei roten liegenden Pfählen. Erst mit den Pariser Verträgen von 1810, in denen Ulm ans Königreich Württemberg fiel, kam Pfuhl zu Bayern, zunächst ans Landgericht Günzburg, danach an Neu-Ulm.

Ein Porträt über Pfuhl: Vom Bauerndorf zum großen Stadtteil

Schon um 1300 galten die Pfuhler als "Pfahlbürger"

Mehr als 160 Gruppen, darunter 20 Musikkapellen, demonstrierten zum Jubiläumsfest ein Wochenende lang, was 750 Jahre Ortsgeschichte bedeuten. Angeführt vom Ritter Heinricus von Phuhl, der den Ort im frühen Mittelalter erworben hatte, allerdings nur für kurze Zeit. Schon um 1300 galten die Pfuhler als „Pfahlbürger“ und nahmen unter den Bewohnern des Ulmer Winkels eine Sonderstellung ein. Im Festzug liefen Römer mit und Alemannen, Ritter mit Gefolge, auch Bauern mit Mägden und Knechten und den von Pferden, auch Ochsen gezogenen hochbeladenen Fuhrwerken, dazu die Handwerker des Dorfs wie Weber, Maurer, Zinngießer, natürlich auch Henker und Scharfrichter.

Der Glockenturm der Ulrichskirche prägt das Pfuhler Ortsbild

Noch immer prägt weithin sichtbar der kräftige Glockenturm der evangelischen Ulrichskirche das Pfuhler Ortsbild. Das Weltgerichtsfresko am Chorbogen trägt die Jahreszahl 1394. Der obere Teil des Turms und das heutige Langhaus wurden in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erbaut. Im Markgrafenkrieg 1552 wie auch 1634 im Dreißigjährigen Krieg wurde die Kirche wie fast der gesamte Ort niedergebrannt. 1532 führten die Ulmer die Reformation in Pfuhl ein. Bis zum Jahr 1860, als das junge Neu-Ulm seine evangelische Kirche erhielt, zählten seine protestantischen Gläubigen zur Kirchengemeinde Pfuhl. Die katholische Pfarrkirche Heilig-Kreuz wurde am Tag vor Heiligabend 1973 vom Augsburger Bischof Josef Stimpfle geweiht. Bis zur Errichtung der eigenen Pfarrei am 1. Januar 1974 gehörten Pfuhls Katholiken zur Pfarrgemeinde St. Alban in Offenhausen. Ihre Gottesdienste hatten sie bis dahin im evangelischen Gemeindehaus, später in der Ulrichskirche gefeiert. Manch einer führt das gute Einvernehmen der Christen am Ort auf diese mehrjährige Nutzung eines gemeinsamen Gotteshauses zurück.

Ulmer Mathematiker war möglicherweise Vorbild für eine Figur in "Faust"

„In der Orthographie ist er noch nicht perfect“, steht dem Weber Vicarius Samuel Jehlen ins Zeugnis geschrieben, der im Jahr 1724 begonnen hatte, jungen Menschen Schreiben, Lesen und Rechnen beizubringen. „Denn er setzt einen großen Buchstaben dahin, wo ein kleiner gehört und umgekehrt“. Auf dem Lande sei das aber nicht so genau zu nehmen, beschwichtigt die Behörde im Visitationsbericht, schließlich wolle Jehle „sich noch informieren“. Von anderem Kaliber war der Mathematiker und Philosoph Johann Jakob Wagner, dessen bemerkenswertes Grabmal auf dem evangelischen Kirchhof steht. Wagner war 1775 in Ulm geboren, hatte in München und Würzburg gelehrt, schließlich in Weimar den damals 56 Jahre alten Geheimrat Johann Wolfgang Goethe getroffen. Neu-Ulms 2014 gestorbener Schulmeister und Heimatdichter Eduard Ohm hielt für denkbar, Goethe habe seinen Famulus Wagner im „Faust“, der im Reagenzglas seinen Homunculus erzeugt, nach dem Philosophen Wagner geformt. Der starb 1841 in Ulm, wollte sich aber in Neu-Ulm bestatten lassen. Weil die junge Stadt seinerzeit jedoch weder eine eigene Pfarrgemeinde noch einen Friedhof besaß, geriet Wagner nach Pfuhl.

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Auf Pfuhler Gemarkung erfüllte sich noch ein anderes Schicksal. Um 600 vor Christus waren auf dem Flurstück Neubrüche südlich des heutigen Pfuhler Sees die Überreste eines kräftigen Mannes und einer zarten etwas jüngeren Frau als Brandbestattung beigesetzt worden. Die Baggerschaufel, mit der auf dem Grundstück des Landwirts Reinhold Binder 1998 eine Kiesgrube ausgehoben wurde, holte Keramikscherben von mehr als zehn Grabgefäßen ans Licht. Kreisarchäologe Richard Ambs hielt für wahrscheinlich, die beiden Toten hätten einer Gruppe angehört, die an der Heuneburg nahe Herbertingen eine Reise auf oder längs der Donau in Richtung Südosteuropa angetreten hatte. Ein Beleg dafür, wie der Raum Neu-Ulm schon vor undenklichen Zeiten Durchzugsgebiet war.

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