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Schauspiel

03.07.2015

Ein Servus ohne Bitterkeit

„Ulm war eine sehr gute Erfahrung, ich hab mich im Ensemble wohlgefühlt.“Sibylle Schleicher

Nach 14 Jahren wird der Vertrag der Österreicherin Sibylle Schleicher am Theater nicht verlängert. Doch statt missmutig zu werden, freut sie sich auf Projekte abseits der Bühne

14 Jahre lang stand die Schauspielerin Sibylle Schleicher – mit einer kurzen Unterbrechung – auf der Bühne des Theaters Ulm. Doch diese Zeit geht nun zu Ende. Mit dem Abschluss der Spielzeit verabschiedet sie sich von ihrem Publikum. „Es kam unerwartet, aber ich sehe es als gute Wendung in meinem Leben, dass mein Vertrag nicht verlängert wurde“, sagt sie. Seit 2001 zählte sie zum Schauspielensemble. „Das ist länger als an jedem anderen Haus in meiner Laufbahn.“ In Straß wohnen bleiben wollen die Mutter von zwei Kindern und ihr Mann Volkmar Clauß auf jeden Fall. „Der einzige Grund, den ich mir vorstellen könnte, wegzuziehen, wäre ein festes Engagement in Österreich.“

Nach dem Unfall bei Proben zu Pamela Carters Stück „In der Ebene“ in der vorletzten Spielzeit geht es Sibylle Schleicher inzwischen wieder gut. Sie war damals bei Proben von einem drei Meter hohen Balkon-Aufbau gestürzt und erlitt wenige Stunden später im Krankenhaus einen Herzstillstand. Über die Verletzungen aber spricht sie nicht mehr viel. Lieber über die lange Liste von Rollen, auf die die 55-Jährige in Ulm sowohl im Podium wie im Großen Haus zurückblickt: Des Sultans Schwester Sittah beispielsweise in Lessings „Nathan der Weise“ spielte sie, Klytaimnestra in Aischylos „Orestie“ oder die Titelrolle in Georg Kreislers Musical „Lola Blau“. Oder Schwester Marthe in „Cyrano de Bergerac“, die Mutter Lovis in Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“ und zuletzt die vom Leben geschundene Hansi in „Sauschneidn“.

„Ulm war eine sehr gute Erfahrung, ich hab mich im Ensemble wohlgefühlt“, resümiert die Schauspielerin. „Es waren tolle Jahre.“ Sie bedauert aber: „Es passiert derzeit überall der Prozess, dass die Mittfünfziger-Schauspielerinnen aus den festen Engagements gedrängt werden, um sie dann billig als Gäste wieder ans Haus zu holen.“ Das wollte Sibylle Schleicher nicht; in einer Gastrolle wird das Ulmer Publikum sie nicht erleben. Wer sie noch einmal auf der Bühne in Ulm sehen will, kann dies noch bei zwei Produktionen tun: bei „Ein Sommernachtstraum“ auf der Wilhelmsburg und in der Podium-Komödie „Die Nervensäge“.

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Fertig ist Schleicher mit der Schauspielerei jedoch nicht. „Sie hat für mich nach der Geburt meiner Kinder viel mehr Tiefgang und mehr Aufregendes gewonnen.“ So macht sie sich gerade auf die Suche nach interessanten Gastengagements, will aber die Wartezeit gerade für jene Dinge nutzen, die lange liegen blieben – dafür, fertige und in der Schublade liegende Texte auf den Markt zu bringen und einen Roman und ein Stück weiterzuschreiben, die begonnen sind.

Dem Schreiben gehört eine Menge Herzblut: Für ihren Roman-Erstling „Das schneeverbrannte Dorf“ bekam Schleicher 2001 den Literaturpreis des Peter-Klein-Literaturforums Aachen, 2006 wurde sie Mitglied im österreichischen P.E.N.-Club. Außerdem engagiert sie sich gerne für NS-Themen, besonders fürs Ulmer Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg oder jüngst für die Stolperstein-Aktion. „Des taugt mir“, sagt sie schlicht im unverkennbaren Sound ihrer österreichischen Heimat, dieses Engagement will sie auf jeden Fall fortsetzen.

Welchen Traum sie für die Zukunft hat? „Schreiben und Spielen koordinieren zu können, dass keines von beiden zu kurz kommt“, antwortet sie schnell. „Vielleicht habe ich jetzt die Chance, diesen Traum zu leben.“ Sie nennt dies „Mehrschienigkeit der Welt gegenüber“ – und will den kommenden Freiraum für sich nutzen. „Die Durststrecke jetzt gibt mir die Möglichkeit, meine Kreativität neu zu entdecken, mich neu den Dingen zu öffnen. Mein Fundus ist das Leben – all das, was vor allem in den letzten zehn Jahren in meinem Leben passiert ist.“

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