Newsticker

Wegen Corona: CDU-Spitze verschiebt Parteitag zur Vorsitzendenwahl ins nächste Jahr
  1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Ein Ulmer am Hof des Herzogs

24.02.2015

Ein Ulmer am Hof des Herzogs

Buch über Heinrich Steinhöwel erschienen

Manchmal ist das Unglück des einen das Glück eines anderen: Herzog Philipp von Burgund, „der Gute“ genannt, erkrankte während seines Besuchs auf dem Regensburger Reichstag im Mai 1454. Auf der Rückreise ging es ihm in Lauingen so schlecht, dass der Ulmer Stadtarzt Heinrich Steinhöwel gerufen wurde. Vier Wochen später war der Herzog wieder gesund, und Steinhöwel, der den hohen Herren auf seiner Reise bis Freiburg begleitet hatte, wurde fürstlich mit mehr als einem Jahresgehalt belohnt.

Was Steinhöwel noch mehr brachte: Er hatte Zutritt zu den kunstsinnigen Höfen des deutschen Südwestens gewonnen – und machte sich fortan als Mittelpunkt eines Kreises humanistisch gesinnter Männer an die Übersetzung griechischer und römischer Literatur. Steinhöwels Werk widmet sich der soeben erschienene Schlussband der „Bibliotheca Suevica“ auf über 650 Seiten.

Herzog Philipp der Gute besaß eine anonyme französische Übersetzung von Giovanni Boccaccios moralisierender Sammlung von Biografien berühmter Frauen des Mittelalters und der Antike, „De mulieribus claris“. Steinhöwel übersetzte diese 1361/62 entstandene Sammlung – und versah sie mit einer höchst eigenen schwäbischen Ausrichtung, indem er die Texte „nit von wort zu wort sunder von sinn zu sinn getutschet“ habe, wie er notierte.

Die beiden Herausgeber des Bandes, die Germanisten Gerd Dicke und Almut Schneider, stellen Steinhöwels frühneuhochdeutscher Sprache – jeweils auf der linken Buchseite – ihre zeitgenössische Übersetzung gegenüber, sodass sich der Leser des Bandes nicht nur in die hundert Kapitel von Eva bis Konstanze, der Mutter Kaiser Friedrichs, vertiefen kann, sondern parallel auch unmittelbar in die Sprache Steinhöwels.

Keuschheit und Unkeuschheit, moralische Bewertung (und manche Fantasie) schaffen in der Zusammenschau einen Spiegel des Frauenbildes im 15. Jahrhundert: Die schwangere Päpstin Johanna, Penelope im „heiligen Witwenstand“, die Sibylle Erythraea und Medea als „gutes Lehrstück für die Frauen, ihre Augen unter Kontrolle zu halten“ – ein leises Augenzwinkern beim Leser von heute sei erlaubt. Freude bereiten auch die aus Steinhöwels Werk übernommenen Abbildungen. (köd)

des Schlussbandes der Bibliotheca suevica findet am Donnerstag, 26. Februar, um

19.30 Uhr in der Stadtbibliothek Ulm statt.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren