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Ulm

12.03.2015

Ein bisschen wie bei Domian

„Einsamkeit fühlt sich nachts noch einsamer an“, sagt Stefan Plöger von der Telefonseelsorge in Ulm.
Bild: Foto: Kaya

Im berühmten Nacht-Talk von Jürgen Domian berichten Menschen oft von skurrilen Geschichten. Welche Parallelen es mit der täglichen Arbeit bei der Telefonseelsorge Ulm gibt.

Dr. Stefan Plöger, der zusammen mit Renate Breitinger die Telefonseelsorge Ulm leitet, sieht durchaus Parallelen: Eine Gemeinsamkeit sei schon allein, dass Domian in der Nacht am Telefon sitze. „Nachts ist eine besondere Zeit. Einsamkeit fühlt sich noch einmal einsamer an. Und vieles sieht bedrohlicher aus“, erklärt Plöger. Dementsprechend gebe es nicht nur in Domians Sendung mehr Anrufer als tatsächlich geführte Gespräche, sondern auch bei der Telefonseelsorge Ulm. „Das ist bei uns aber sicherlich nicht in dem Maße der Fall wie bei Domian“, räumt Plöger ein.

Auch bei den Themen gebe es Überschneidungen. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin habe einmal zu Plöger zu gesagt: „Es gibt nichts, was es nicht gibt.“ Plöger betont: „Man darf sich das jetzt aber nicht so vorstellen, dass bei uns lauter exotische Sachen thematisiert werden.“ Der Fokus liege auf weitverbreiteten, alltäglichen Problemen. Zwei große Themenbereiche seien dabei das seelische und körperliche Befinden und Beziehungsthemen. Viele würden beispielsweise Bilanz ziehen und merken, dass ihr Leben in die falsche Richtung geraten sei. Aber manchmal werde man am Telefon dann doch mit einem „Lebensentwurf“ konfrontiert, „der einem erst einmal sehr fremd ist“, erzählt Plöger. Da heißt es, sich erst einmal darauf einlassen.

Telefonseelsorge in Ulm: etwa 80 Ehrenamtliche

Was im Hinblick auf den angekündigten Abschied Domians deutlich wird, ist laut Plöger die Wichtigkeit, dass ein seelsorgerisches Angebot vorhanden ist: „Es bringt jetzt schon Leute in Aufruhr, obwohl er ja erst 2016 aufhört. Aber diese Leute haben das Gefühl, da ist jemand, mit dem man reden kann und der einem zuhört.“

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Plöger erzählt in diesem Zusammenhang von einer Frau, die das Kärtchen der Telefonseelsorge immer zur Sicherheit in der Tasche dabei hat – auch, wenn sie bisher nur einmal angerufen habe.

 

Rund 80 Ehrenamtliche arbeiten derzeit bei der Telefonseelsorge in Ulm. Für ihre Aufgabe werden sie ein Jahr lang geschult, danach verpflichten sie sich, für drei Jahre bei der Telefonseelsorge zu arbeiten. Der ehrenamtliche Dienst umfasst drei Schichten à vier Stunden pro Monat, teilweise auch nachts. Im vergangenen Jahr hat die Telefonseelsorge fast 25000 Anrufe entgegengenommen. Auch per E-Mail und Chat bietet sie Hilfe an, besonders junge Menschen greifen auf dieses Angebot zurück. Einerseits, weil sie das Nutzen elektronischer Kanäle gewohnt seien und es andererseits so noch anonymer sei, erklärt Plöger. Das spiegelt sich auch inhaltlich wieder: „Da tauchen tabuisierte Themen wie Gewalt, Missbrauch und Suizidalität öfter auf.“

Telefonseelsorger schätzt Anonymität

Ein großer Unterschied zu Domians nächtlicher Sendung ist jedoch, dass die Anrufer ihre Probleme nicht nur ihm mitteilen, sondern auch allen Zuschauern und Zuhörern.

Das erfordert laut Plöger auch ein besonderes Vorgehen von Domian: „Er muss Hilfestellung geben und es gleichzeitig mediengerecht darstellen. Das stelle ich mir nicht leicht vor, diese beiden Aspekte zu verbinden.“ In diesem Zusammenhang ist Plöger doch „sehr froh um die Anonymität“, die es bei der Telefonseelsorge Ulm gibt.

Kontakt Wer Interesse an einer ehrenamtlichen Mitarbeit hat, kann sich an Renate Breitinger oder Stefan Plöger wenden, Telefon 0731/69883, E-Mail: info@telefonseelsorge-ulm.de

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