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Ulm

28.02.2015

Ein blutiger Zahn in Thaisuppe Nr. 6

Wenn Theater weh tut: Dem Jungen (Aglaja Stadelmann, unten) wird ein Zahn gezogen.
Bild: Martin Kaufhold

Roland Schimmelpfennigs Sozialdrama „Der Goldene Drache“ zeigt im Theater Ulm, wie es im Asia-Restaurant zugehen kann - und überzeugt trotz einzelner Schwächen.

Zum Wehklagen bleibt keine Zeit. Die Klingel an der Küchenausgabe klingelt und klingelt, dutzende Nummern, dutzende Gerichte werden aufgerufen. Das Leben geht weiter. Wenn auch nicht für alle.

Das Theater Ulm zeigt nun das 2010 von Kritikern zum „Stück des Jahres“ gewählte Sozialdrama von Roland Schimmelpfennig im Großen Haus, Regie führte Oliver Haffner, dessen Kinokomödie „Ein Geschenk der Götter“ zuletzt von Publikum und Kritik sehr positiv aufgenommen wurde. Zumindest ersteres tat sich jetzt aber mit „Der Goldene Drache“ offensichtlich schwer. Am Ende gab es gedämpften Applaus, einige hatten aber schon während der Vorstellung schnaubend den Saal verlassen.

Tatsächlich ist das Stück im Großen Haus ein Wagnis. Das liegt zum einen an der atemlosen Short-Cut-Dramaturgie: Denn statt einer Handlung gibt es in „Der Goldene Drache“ ein halbes Dutzend Erzählstränge aus dem Restaurant und den Wohnungen darüber, die in kurzen, filmähnlichen Schnittszenen immer wieder aufblitzen. Mal nur ein paar Wörter, mal ein ganzer Dialog – alles gespielt von fünf Schauspielern, die in verschiedene Rollen schlüpfen müssen, ohne das Kostüm zu wechseln. Das andere ist die Sprache: Die Akteure sind Schauspieler und Erzähler zugleich, die Regieanweisungen („kurze Pause“) werden bisweilen mitgesprochen. Theater, das aus der Rolle fällt – statt Illusion.

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Das hat in Ulm, trotz der kompakten Spielzeit von knapp 100 Minuten, einzelne Längen. Und nicht jede der gut ein Dutzend Figuren – darunter Küchenbrigade, zwei Stewardessen, ein alter Mann, der wider jung sein will, ein junges Pärchen, das ein ungewolltes Baby erwartet, ein Ehepaar, dessen Beziehung auseinanderbricht, ein Lebensmittelhändler, die „Grille“, die von der „Ameise“ zur Prostitution gezwungen wird – wird konsequent ausgestaltet. Dennoch überzeugt das Schauspielerquintett um die herausragende Aglaja Stadelmann, die sowohl den chinesischen Patienten als auch einen Trunkenbold gibt. Gelungen: das Bühnenbild (Britta Lammers) zwischen Hinterhof-Gerümpel und Asia-Kitsch.

Zu großer Intensität läuft „Der Goldene Drache“ im Finale auf: Dann wird aus den wilden Szenenschnipseln ein dichtes Spiel um zerplatzte Träume, entrechtete Menschen und unkontrollierte Gefühle. Der Zahn des jungen Chinesen landet in der Nummer 6 (Thaisuppe mit Hühnchen); der verblutete Chinese selbst im Fluss. Eine aufrüttelnde Inszenierung eines hochaktuellen Stücks, das trotz vereinzelter Schwächen in Erinnerung bleibt.

Nächste Vorstellungen: Am 28. Februar sowie am 7., 11. und 13. März.

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