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Ulm

16.04.2016

Ein nasses Rendezvous mit einem Seelöwen

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4 Bilder
Da haben sich zwei gefunden: NUZ-Volontärin Sabrina Schatz und Seelöwe Chico hat das Training für die täglichen zwei Zirkusvorführungen sichtlich Spaß gemacht.
Bild: Alexander Kaya

Unsere Volontärin hat im Circus Krone beim Training mit den Seelöwen mitgemacht. Chico ging dabei auf Tuchfühlung.

Chico schmatzt mir ein feuchtes Küsschen auf die Wange. Sein Schnurrbart kratzt an meiner Haut, der Atem stinkt nach Fisch. Er guckt mich mit vielsagenden Glupschaugen an und legt mir seine Flosse auf die Schulter. Was nach einem gründlich misslungenen Date klingt, finde ich an diesem Tag äußerst charmant. Denn Chico ist ein Seelöwe.

Eine Stunde zuvor laufe ich durch die Wohnwagen-Stadt, die der Circus Krone für zwei Wochen in der Friedrichsau errichtet hat. Vom anfänglichen Enthusiasmus ist ein flaues Gefühl im Bauch übrig. Was habe ich mir da eingebrockt? Den Seelöwen-Trainer Roland Duss begleiten, Heringsbrocken füttern, im Neoprenanzug durchs kalte Wasser waten – das kann ja was werden. Zumal ich jemand bin, der sogar Babykätzchen lieber aus der Ferne beobachtet statt sie zu knuddeln. Und außerdem bin ich der Meinung, dass Tiere nicht von A nach B gekarrt werden sollten.

Als ich den Bereich der Seelöwen erreiche, schlägt mir fischiger Geruch entgegen wie die Wellen gegen den Rand des Wasserbeckens. Roland Duss – der einen etwas kürzeren Schnauzer hat als seine vier kalifornischen Ohrenrobben – springt aus dem Lastwagen, als er mich entdeckt. Seine Gummistiefel quietschen bei jedem Schritt auf der blauen Plane, mit der die Wiese vor dem Laster und dem Becken ausgelegt ist. „Bereit? Dann stell ich dir gleich meine Freunde vor“, sagt der 56-Jährige, der seinen Schweizer Dialekt nicht verbergen kann. Prompt hüpft ein brauner Seelöwe aus Wasser – Chico, 25 Jahre alt und mit rund 240 Kilo auf den Rippen kein Leichtgewicht. „Au-au-au“, bellt er. Ich schrecke zurück, was ihn offensichtlich ermutigt, näherzukommen. „Der ist ganz brav, der macht nix“, sagt Duss. Ja, denke ich, das sagen Hundebesitzer auch immer, wenn ihre Lieblinge die Zähne fletschen. Vorsichtig streiche ich über den Nacken des Brummers. Das fühlt sich gar nicht so kalt und glitschig an wie vermutet, eher wie Fell. Nasses Fell.

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Chicos Gefährten heißen Charly, Tino und Joe. Sie sind im Zirkus geboren und haben schon in der Fernsehserie „Hallo Robbie“ mitgespielt, die ich früher auch gern geschaut habe. Diese Kindheitserinnerung hätte mir beinahe wieder Mut gemacht, würde Duss nicht im selben Moment nach Chicos Schnauze greifen und dessen Zähne zeigen.

Für den Tiertrainer sind seine Seelöwen wie alte Freunde. Er trainiert jeden Tag mit ihnen. Mit dem Zirkus reisen sie gemeinsam neun Monate lang quer durch Europa. Das restliche Jahr erholen sie sich in Spanien – Duss in seinem Feriendomizil, Chico & Co. im Tierpark um die Ecke, der dem Bruder gehört. Und nun eben Ulm. „Hätte ich nicht mein Schlauchboot vergessen, wäre ich vielleicht mit einem in der Donau schwimmen gegangen“, scherzt Duss. Gutes Stichwort: Schwimmen. Das steht als Nächstes an – die Tiere brauchen reichlich Bewegung.

Nachdem ich mir im Laster zwischen Besen und Schläuchen den Neoprenanzug übergestreift habe, steige ich ins Wasser, das in der Sonne glitzert. Duss wartet schon mit einem Eimer Makrelen in der Hand. Als mich die Seelöwen im Wasser umkreisen und streifen, verliere ich allmählich meine Scheu. Ich lege mich sogar auf Chicos Rücken wie auf ein Surfbrett und lasse mich ziehen. Tito und Joe schieben uns mit den Schnauzen an meinen Füßen an. Ich muss lachen – es kitzelt. „Chico hat’s auf dich abgesehen“, sagt Duss. Der Seelöwe, der so alt ist wie ich, umarmt mich mit beiden Flossen. Eine Gruppe Kinder schaut mir durch den Zaun zu. Ich frage Duss, was er von den Gitterstäben hält, die die Tiere von der Freiheit trennen. „Klar bieten wir kein offenes Meer. Aber unsere Seelöwen sind im Zirkus geboren, sie kennen es nicht anders“, sagt er. Er stelle sich der Kritik der Tierschützer – jedoch könnten sich viele nicht vorstellen, dass Tier und Mensch eine tiefe Beziehung zueinander aufbauen können. Seine Seelöwen würden bei der Arbeit nicht unter Druck gesetzt. Joe zum Beispiel, wolle sich stets beweisen und ihn, als seine Bezugsperson, beeindrucken. Dass das mit dem Beeindrucken auch bei mir klappt, zeigt sich, als die Seelöwen ihre Kunststücke auf dem Platz vor dem Becken üben. Sie balancieren Eimer auf der Nase und schwingen Hulahoop-Reifen um ihre Hälse. „Das können sie so gut, weil sie eine bewegliche Wirbelsäule und einen guten Gleichgewichtssinn haben“, erklärt Duss. Dann klatscht er und ruft „Hop“ – eines der rund 80 Kommandos. „Die Tricks entstehen durchs Quatsch-Machen. Meistens leiten sie sich aus dem natürlichen Verhalten der Tiere ab.“

Als ich mich wieder auf den Weg zurück in die Redaktion machen will, stupst mich Chico unsanft in den Rücken. Am Ende unseres Dates bemerke ich, dass es ihm doch nur um das Eine ging: Fisch.

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