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Politik

06.11.2019

Einblicke in die deutsch-tschechische Geschichte

Helmut Eikam, Bundesvorsitzender der Seliger-Gemeinde, hielt den Eröffnungsvortrag.
Bild: Ranft

In der Neu-Ulmer Stadtbücherei wird derzeit die Ausstellung „Die sudetendeutschen Sozialdemokraten“ gezeigt

Am Ende erklang vielstimmig von gut dreißig abendlichen Gästen anfangs nur zaghaft, dann immer mutiger gesungen der Schlager „Aus Böhmen kommt die Musik“, 1978 von Robert Jung für das Duo Gitti und Erika komponiert. Vorausgegangen war dem Gesang die gemeinsam vom ehemaligen SPD-Stadtrat Erwin Franz und dem Bundesvorsitzenden der Seliger-Gemeinde, Helmut Eikam, in der Stadtbibliothek eröffnete Wanderausstellung „Die sudetendeutschen Sozialdemokraten“.

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Die Ausstellung, die seit gut zehn Jahren schon durch die Lande zieht und die Franz nun auch nach Neu-Ulm holen konnte, dokumentiert auf 40 Text- und Bildtafeln die Geschichte der sudetendeutschen Arbeiterbewegung. Wie Eikam darstellte, wurde der erste sozialdemokratische Ortsverein schon 1863 im sudetenländischen Asch gegründet, im damals noch österreichischen Kaiserreich. Wenige Jahre später entstand in Prag eine eigene Partei der tschechischen Sozialdemokraten. Nach einem anfangs durchaus friedlichen Miteinander beider Gruppierungen, trieb sie der aufkommende Nationalismus des späten 19. Jahrhunderts bald auseinander.

Die sudetendeutsche Sozialdemokratie liefert laut Eikam „beispielhafte Einsichten in die deutsch-tschechische Geschichte, war sie doch vor dem Ersten Weltkrieg und auch noch in der ersten Tschechoslowakischen Republik von 1919 immer Teil der Konfliktgemeinschaft“. Ab 1935 widersetzten sie sich mit Tschechen und Slowaken der Vereinnahmung Böhmens und Mährens durch die deutschen Nationalsozialisten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie Opfer der Vertreibung und zwangsweisen Aussiedlung aus der CSSR. Völlig ohne Schuld waren die Sudetendeutschen laut Eikam freilich auch nicht, hatten sie doch ihre starke Stellung im Lande vor und auch noch nach dem Ersten Weltkrieg durchaus genutzt. „Tschechen mussten arbeiten“, stellte Eikam fest, „studieren durften sie nicht.“

Einblicke in die deutsch-tschechische Geschichte

Mit dem Verlust des Sudetenlandes endet auch die Geschichte der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs“ und ihrer Nachfolgerin, der „Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der CSR (DSAP)“. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand in Westdeutschland aus dem erneuten Zusammenschluss zahlreicher sudetendeutscher Sozialdemokraten die Seliger-Gemeinde, benannt nach dem ersten Vorsitzenden der 1919 in Teplitz gegründeten DSAP. Die neue Gemeinschaft ehemals sudetendeutscher Sozialdemokraten wurde als SPD-nahe, aber unabhängige Organisation verstanden, setzte sich mit „neuen geistig-politischen Voraussetzungen in Europa für die Anwendung des Selbstbestimmungsrechts ein“.

Allerdings gehen auch dieser aus Nachkriegsnöten hervorgegangenen Organisation die Mitglieder verloren. Wie Vorsitzender Eikam vortrug, hatten sich vor Jahrzehnten in Geislingen an der Steige noch 30 000 Anhänger zur Bundesversammlung eingefunden. Heute zählt die Gemeinde noch gut 700 Mitglieder weltweit. Zu ihnen zählt auch Erwin Franz, heute einziges Mitglied im Landkreis und daher Gast in der Memminger Seliger-Gemeinde.

Die Ausstellung ist noch bis 1. Dezember in der Stadtbibliothek zu sehen. Aus Platzgründen wurde auf einen Teil der Schautafeln verzichtet. Im Katalog für zehn Euro sind alle vierzig Tafel dargestellt. (grr)

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