1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Eindringliches Stück im Ulmer Podium über Drohnenkrieg

Ulm

18.03.2019

Eindringliches Stück im Ulmer Podium über Drohnenkrieg

Marie Luisa Kerkhoff spielte ihre Rolle in "Am Boden" beeindruckend.
Bild: Kerstin Schmoburg/Theater

„Am Boden“ thematisiert schonungslos den Drohnenkrieg aus Sicht einer Kampfpilotin. Marie Luisa Kerkhoff spielt Rolle als Kampfpilotin brillant.

Ein Bildschirm. Ein Joystick. Auf dem Bildschirm nur Gräue. Der Krieg von heute wird geführt wie ein Videospiel. Irgendwo in der Wüste Nevadas in den USA sitzen Kampfpiloten vor diesen Bildschirmen und steuern Drohnen mit tödlicher Ladung in Echtzeit. Der Krieg als alltägliche Handlung, davon erzählt der US-Dramatiker George Brant in seinem fesselnden Stück „Am Boden“, das 2013 in San Francisco uraufgeführt wurde. Das packend erzählte Ein-Personen-Drama war schon auf mehreren deutschen Bühnen zu sehen, nun inszeniert es Andeas Nathusius (Dramaturgie Christian Katzschmann) mit einer formidabel spielenden Marie Luisa Kerkhoff im Theater Ulm.

Kerkhoff verkörpert die namenlose Kampfpilotin, die das Fliegen in ihrem Jet als Glück erlebte: „Rings um mich das Blau. Ich brauche das Blau.“ Ihre todbringenden Einsätze sieht sie unkritisch: „Ich bin ein Rockstar, ich lasse Bomben auf Minarette und Moscheen regnen!“ Doch ein paar freie Tage machen alles anders: Sie lernt Eric kennen, sie wird schwanger und muss den Beruf als Kampfpilotin schließlich aufgeben. Sie wird stattdessen zu den Drohnen-Einheiten versetzt. Ihre Befehle erhält sie anonym aus dem Kopfhörer, statt des beflügelnden Himmelsblau umgibt sie nervöses Neonröhrengeflacker und das immer gleiche Grau des Bildschirms. Das Steuern von Kampfdrohnen durch Afghanistan wird zum Videospiel.

Von der Kampfpilotin zur Drohnen-Einheit

Nach ihrer Schicht fährt sie durch die Wüste nach Hause, um ihr zweites Leben als Ehefrau und junge Mutter zu führen. Doch die Liebe ihres Mannes und ihrer Tochter können nicht verhindern, dass die „Kriegsspiele“ immer realer werden und sie schließlich bis in die Träume verfolgen. Die Grenzen zwischen Freund und Feind, Heimat und Kriegseinsatz, Wirklichkeit und Bildschirm-Abbild verschwimmen. Das Leben der jungen Frau gleitet ab in ein Schlachtfeld unkontrollierbarer Ängste und Imaginationen. Schließlich kommt es zum Ernstfall: Das Fadenkreuz der Drohne nimmt einen Mann mit einem kleinen Mädchen ins Visier. Der Befehl lautet: Schießen.

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

„Am Boden“ von George Brant ist schonungslos, radikal, ungewohnt intim. Es gibt dem Zuschauer einen ungeschönten, fast dokumentarisch anmutenden Einblick in das (Seelen-)Leben und das Selbstverständnis einer jungen Pilotin, die letztlich an ihrer Aufgabe zerbricht – und für ihre moralischen Bedenken vors Militärgericht gestellt wird. Was diesen Abend neben Marie Luisa Kerkhoffs brillantem Spiel so schockierend macht, ist die sauber recherchierte Faktizität des Stückes. Die USA haben Länder wie Afghanistan zum Jagdrevier gemacht, niemand kennt die genauen Zahlen unschuldig Getöteter.

"Am Boden" im Podium: Der Zuschauer leidet am Ende mit

Kerkhoff erfüllt ihre Figur vom ersten Moment an mit Leben, nimmt den Zuschauer mit. Anfangs hat ihre Pilotin die Körpersprache eines Machos, ihr überzüchtetes Ego zeigt kein Empfinden für den Tod, den ihre Einsätze bringen. Doch der Absturz von der „Drohengöttin“ zur Angstgebeutelten ist schnell und hart. Mit gutem Timing und feiner Gestik vermittelt Kerkhoff diesen Wandel und den Schmerz, den ihre Figur empfindet wenn sie endlich einsieht, dass die Flecken auf ihrem Bildschirm Menschen sind – Menschen, die sie tötet.

Wenn es schließlich ins intensive und schmerzliche letzte Drittel des Stückes geht, ist man als Zuschauer dank des intensiven Spiels und der dichten Dramaturgie tief hineingewoben in die Ereignisse – und leidet mit. Und wird mit einem beunruhigenden letzten Satz heimgeschickt: „Ihr seid nicht in Sicherheit, niemals.“

„Am Boden“ ist hart, eindringlich – und wichtig. Ein großartiges Stück, das zur Premiere verdient langen Applaus erhielt.

Lesen Sie auch:

Theater Ulm feiert mit dem neuen Spielplan sein Zuhause

Das plant der Eigentümer des „Landrauschen“-Wirtshauses

Alexander Herrmann serviert eine Show mit Geschmack

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren