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Ulm

28.01.2020

Eine Domina erzählt: "Vom Bauarbeiter bis zum Manager ist alles dabei"

Die Ulmer Domina Andrea Dorijal ist in einem sehr speziellen „Erziehungswesen“ tätig, in dem ihre Kunden vor allem Wert auf handfeste Bestrafung legen.
Bild: Alexander Kaya

Plus Andrea Dorijal arbeitet seit 20 Jahren als Domina in Ulm. Sie bietet Einblick in eine Welt der bizarren Fantasien und verrät, welche Männer in ihr SM-Studio kommen. Im Video zeigt sie auch ihr Studio.

Männer, die mit Begeisterung das Haus putzen, sich für keine Drecksarbeit zu schade sind und die sich dabei ohne zu murren rumkommandieren lassen, gerne auch mal mit rauen Worten – die gibt es wohl nur in der Fantasie mancher mit Beruf und Haushalt überlasteten Frau, oder? Nicht unbedingt. Andrea Dorijal kann sich nicht beklagen. Zu ihr kommen immer wieder Männer, die genau das lieben und dafür auch noch Geld bezahlen, vor allem, wenn ihnen die Dame des Hauses schließlich eine richtige Abreibung verpasst, die sie noch Tage später spüren. Sie züchtigt gerne harte Kerle und die harten Kerle lassen sich gern von ihr richtig fest rannehmen, denn Andrea Dorijal ist eine Domina, sozusagen die Frau fürs Grobe.

Dabei ist sie von zierlicher Gestalt und hat nichts mit den kantigen, breitschultrigen Gestalten zu tun, die sich zuweilen im Film durchs Rotlichtmilieu schlagen. Andrea Dorijal zeigt dem Gegenüber mit wenigen Gesten, ein bisschen Mimik und fester Stimme, wer hier das Sagen hat. Wenn sie den Kopf leicht hebt, die Augen ein wenig weiter aufmacht und den Rücken strafft, dann ist klar: Mit dieser Frau ist nicht zu spaßen.

Wer allerdings entsprechende Neigungen in sich trägt, dem bereitet sie mit dieser dominanten Art höchste Wonnen. Und ihr selbst natürlich auch. Einerseits lebt sie davon und lässt es sich teuer bezahlen, wenn sie im Keller ihres kleinen Ulmer Sado-Maso-Studios jemanden erniedrigt, fesselt und mit einer ihrer 258 Peitschen traktiert („alle handgearbeitet!“). Andererseits genießt sie ihre Rolle als Herrscherin: „Das gibt mir schon ein Wohlgefühl. Andernfalls könnte ich das nicht machen.“

Das „Werkzeug“ der Domina Andrea Dorijal.
Bild: Alexander Kaya

Die Domina will nicht mehr zurück ins bürgerliche Leben

Seit 20 Jahren ist sie nun im Rotlicht-Geschäft und bereut keine Sekunde, wie sie sagt. Ein Weg zurück ins sogenannte bürgerliche Leben gibt es für sie nicht. „Ich bereue absolut nichts und ich bin froh, dass alles so gekommen ist. Als Sekretärin zu versauern, das wäre mir zu langweilig.“ Dabei hätte genau das passieren können, denn eigentlich führte sie so ein Leben als brave Hausfrau und Mutter auf der Schwäbischen Alb. Doch dann war da dieser Raub, und von einem Tag auf den anderen wurde ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt.

In dieser Zeit musste sie viel einstecken – doch einzustecken war noch nie ihr Ding. „Ich war schon immer eine, die eher austeilt. Als Teenie war ich die Anführerin einer Mädchen-Gang“, erzählt sie. Dennoch hielt das Leben für sie erst mal „nur“ eine Durchschnittsexistenz bereit, an der Seite eines Mannes, als Mutter zweier Kinder. Der Gatte war allseits respektiert, saß er doch im Vorstand einer regionalen Bank. Doch dann verschwand er eines Tages. Er hatte die Depots geplündert und sich ins Ausland abgesetzt. Nach und nach stellte sich heraus, dass er hohe Beträge veruntreut und Kundengelder eingesackt hatte – alles nur wegen diverser fehlgeschlagener Spekulationen.

Auch als sich der Schwindel-Banker irgendwann stellte, ins Gefängnis kam und seine ahnungslose Frau von allen Vorwürfen der Mitwisserschaft freigesprochen wurde, führt für sie kein Weg zurück in die heile Welt, die sich ohnehin als Schein erwiesen hatte.

Der Kontakt zur Rotlichtszene ergab sich aus Zufall

Andres Dorijal zog nach Ulm und versuchte ohne Glück auf dem herkömmlichen Arbeitsmarkt unterzukommen: „Ich war ja schon 40, habe nur Absagen und keinen Job bekommen.“ Über eine Freundin kam sie in Kontakt mit der Rotlichtszene. Für einen Allgäuer Escort-Service vermittelte sie in Ulm Frauen aus dem horizontalen Gewerbe an interessierte Herren – bis eines Tages die Domina der Firma ausfiel und sie gefragt wurde, ob sie vielleicht einspringen könne. Andrea Dorijal sprang ein, denn so ganz unbekannt war ihr das Geschäft nicht.

Das „Werkzeug“ der Domina Andrea Dorijal.
Bild: Alexander Kaya

Als Teenie hatte sie mal aus reiner Neugierde in ihrer Heimatstadt Stuttgart ein Edel-Bordell betreten. Warum? „Ich hatte noch nie ein Problem gehabt, irgendwo reinzugehen“, sagt sie, „das Flair hat mich fasziniert, das Dunkle, das Glitzernde – ich konnte mich nicht sattsehen.“ Wie sie erzählt, durfte sie sogar mehrmals der dortigen Domina zur Hand gehen, wenn sie mit Härte einen Herren „erzog“, der genau danach verlangte. Doch dann siedelte die Familie auf die Alb über und es war jahrzehntelang vorbei mit dem Rotlicht – bis zu jenem Anruf aus dem Allgäu. „Ich bin dann mitgegangen und die Faszination war sofort wieder da.“

"Shades Of Grey" haben den Weg bereitet

Andrea Dorijal ließ sich in Wien zur Domina ausbilden und erfuhr dort offenbar alles, was zu diesem sehr speziellen „Erziehungswesen“ dazugehört. Seit sie vor zwei Jahrzehnten in Ulm ihr SM-Studio eröffnet hat, dem ein kleines Bordell angeschlossen ist („Die Damen arbeiten alle selbstständig“), hat sie so vieles angesammelt, dass ihrer Lebensgeschichte nun zwei Bücher füllt. Der erste Band unter dem Titel „Dornenhimmel“ kam vor rund fünf Jahren genau zur rechten Zeit heraus. Die „Shades of Grey“-Bücher hatten gerade ein wohlig schauderndes breites Publikum mit einer Welt bekannt gemacht, in der sich Begriffe wie Herrschen, Unterwerfen und Schmerz mit Lust verbinden.

Doch mit solcher Art von SM-Softporno hat der Alltag von Andrea Dorijal nichts zu tun. Er wird beherrscht von den oft schwer verständlichen Fantasien ihrer Kunden, die mit dem Wort „bizarr“ manchmal sogar beschönigend beschrieben sind. „Was ich in 20 Jahren über die Menschen gelernt habe, ist der Wahnsinn“, resümiert sie, „und es ist psychisch sehr herausfordernd.“ Sie muss die Fantasien ihrer Kunden umsetzen, die sich natürlich nicht damit erschöpfen, eine halbe oder gar eine ganze Stunde mit Rohrstock oder Peitsche traktiert zu werden. Manche wollen sich fesseln und einsperren lassen, sich ihrer Herrin auf Zeit völlig ausliefern. Die muss dafür auch in unterschiedlichen Rollen auftreten, als Pfarrer, Ärztin, Polizistin, Friseurin oder gar als Metzger in Schürze und Gummistiefeln.

Und dann ist da jener Kunde, der eine ausgeprägte Schwäche für Mantel-und-Degen-Filme hat, aus denen er gerne Szenen nachspielt. Da muss sie erst einmal im Hausflur einen ausgiebigen Fechtkampf à la „Drei Musketiere“ simulieren, bevor sich der „Gast“, wie er auch genannt wird, geschlagen gibt und sich weiterer Behandlung oder besser Bestrafung unterzieht.

Starke Männer gehen gerne mal zur Domina

Das „Werkzeug“ der Domina Andrea Dorijal. 
Bild: Alexander Kaya

Offenbar stimmt das Klischee, das ebenfalls gerne via Film transportiert wird, dass vor allem Männer, die in ihrem Beruf gewohnt sind zu bestimmen, sich gerne mal gegen Geld ganz klein machen lassen. Andrea Dorijal zählt auf: „Da sind Manager dabei, Ärzte in hohen Positionen, Geschäftsführer, Meister. Früher kamen mehr Führungskräfte, heute ist es gemischt, vom Bauarbeiter bis zum Manager ist alles dabei.“ Wer beruflich unter Druck stehe, alles richtig machen zu müssen, der wolle sich offenbar selber mal dem Gefühl hingeben, ausgeliefert zu sein. „Aber es kann in diesem Fall ja nichts passieren.“ Nach zwei, drei Stunden kehren sie wieder in ihr Leben und in ihre Machtposition zurück.

Mittlerweile hat sich Andrea Dorijal mit ihren beiden Büchern – der zweite Band von „Dornenhimmel“ ist Ende vergangenen Jahres erschienen – ein weiteres Standbein erarbeitet. Ihre Memoiren, in denen sie mal mit drastischen Worten, mal mit plüschigen Sätzen Dinge schildert, die so ganz anders sind als der bürgerliche Alltag, finden offenbar bei Frauen besonderen Anklang. Ihre monatlichen Lesungen im Keller ihres Studios seien stets ausgebucht, „manche chartern auch einen Bus“. Die Leserinnen hätten großes Interesse daran, sich das Studio anzuschauen und auch mal selber die Peitsche zu schwingen. Ein „erziehungswilliger Sklave“, der das gerne mit sich machen lässt, findet sich auch stets. Die Hemmungen fallen dann offenbar zügig. Andrea Dorijal räumt ein, dass sie sehr viel übrig hat für Männer, die sich freuen, willig dienen zu können: „Die Putzsklaven, die liebe ich.“ Da ist die Domina ganz ordnungsliebende Schwäbin.

Info: Die beiden Memoirenbände von Andrea Dorijal unter dem Titel „Dormenhimmel“ sind erschienen bei SWB Media Entertainment.

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