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19.08.2017

Eine Fundgrube voller Eiszeit-Kunst

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Die Vogelherdhöhle bei Niederstotzingen gilt als fundreichster Ort eiszeitlicher Kunst weltweit. Figuren von Mammuts, Bären und Fischen und viele mehr wurden dort gefunden. Auch im Abraum vor der Höhle steckten einige Schätze.
Bild: Gerrit-R. Ranft

Nirgendwo wurden so viele geschnitzte Tierfiguren aus der Zeit vor über 30000 Jahren ausgegraben wie in der Vogelherdhöhle. Dabei wurden einige der Schätze anfangs übersehen

Sechs Höhlen der ältesten Eiszeitkunst im Ach- und Lonetal stehen seit 9. Juli auf der Welterbeliste der Unesco. Der Löwenmensch, die Venus vom Hohle Fels, ein Mammut aus Elfenbein und viele andere wertvolle Kunstwerke wurden dort entdeckt. In einer losen Serie stellen wir die Fundorte vor.

Der Vogelherd, eine kleine Höhle im Hang eines Seitentals der Lone auf der Schwäbischen Alb im Landkreis Heidenheim, gilt als fundreichster Ort eiszeitlicher Kunst weltweit. In zwei gut 70 Jahre auseinander liegenden Grabungskampagnen wurden mehr als 40 Elfenbeinfiguren und nahezu 400 Schmuckgegenstände geborgen.

Im Mai 1931 alarmierte der Heidenheimer Heimatforscher Hermann Mohn den Tübinger Geologen und Urgeschichtler Gustav Riek. Auf dem Vogelherd hatte Mohn an einem Dachsbau ein paar scharfkantige Feuersteinsplitter gefunden, die dort eigentlich nicht hingehörten. Riek kam schon im Juli nach Stetten ob Lontal und machte sich mit einer Handvoll Helfer sogleich an die Arbeit. Innerhalb von nur drei Monaten räumte Riek die gut 20 Meter über dem Talgrund liegende Höhle, die eigentlich nur ein Durchgang im Kalkgestein ist, nach den Grabungsmethoden seiner Zeit komplett aus. Den ausgehobenen und vermutlich nur grob durchgesehenen Abraum ließ er am Hang unmittelbar vor der Höhle abkippen. Zutage förderte Riek außer mancherlei Steinzeitwerkzeug fast ein Dutzend Elfenbeinfigürchen – drei Mammuts, ein Wildpferd, ein Wildrind, einen Höhlenlöwen, ein Rentier, einen Panther, einen Bären und eine kleine menschenähnliche Darstellung.

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Nach jahrzehntelanger Pause hat das Institut für Urgeschichte an der Universität Tübingen in den Jahren 2005 bis 2012 am Vogelherd noch einmal nachgraben lassen. Chefarchäologe Nicholas Conard vermutete, Ausgräber Riek könne in dem Abraum vor den Höhlenausgängen Eiszeitarbeiten übersehen haben. Er irrte sich nicht. Tatsächlich kamen neben allerlei Arbeitsgerät wie Feuersteinmesser, Geschossspitzen und Ahlen schon bald weitere Kunstwerke zum Vorschein, darunter ein Mammut, ein Fisch, ein Igel und Bruchstücke mehrerer Tierplastiken. Die kleine Höhle am Vogelherd mit ihren drei Zugängen ist vor Jahrmillionen, als die Schwäbische Alb noch bis vor die Tore der heutigen Landeshauptstadt Stuttgart reichte, vom kohlensäurehaltigen Wasser des Ur-Neckar aus den seitlichen Felswänden des heutigen Lonetals herausgespült worden. Seit der Neckar aber seine Fließrichtung geändert hat und nicht mehr in die Donau, sondern in den Rhein mündet, kommt kaum noch Wasser ins Lonetal. Streckenweise liegt das Bachbett völlig trocken. Geologen geben der Lone höchstens noch 100000 Jahre. Dann wird ihr Wasser völlig im porösen Kalkgestein der Alb versunken sein und nur noch unterirdisch fließen.

Dass schon vor Jahrtausenden nur noch wenig Wasser floss, hatte auch sein Gutes. Denn damit kamen in den seitlichen Felshängen die ausgewaschenen Höhlen und Grotten zum Vorschein. Nicht allein der Vogelherd, auch der Hohlenstein, der Bockstein, das Fohlenhaus und viele mehr. Dort hinein zogen vor 100000 Jahren erst mal die Neandertaler. Ihnen folgten 50000 Jahre später die ersten modernen Menschen (Homo sapiens) – die Eis- und Steinzeitleute. Diese frühen Zuwanderer, die nach derzeitigem Stand aus Ostafrika kamen, den Vorderen Orient überwanden und schließlich die Donau aufwärts zogen, brachten erste frühe Künstler hervor. Aus dem Elfenbein des Mammutstoßzahns schnitzten sie mit scharfkantigen Feuersteinwerkzeugen Wildpferdchen, winzige Höhlenlöwen. Sogar ein 30 Zentimeter hohes Mischwesen, halb Löwe halb Mensch, war darunter. Vor 80 Jahren wurden solche Figürchen erstmals in den Lonetalhöhlen Vogelherd und Hohlenstein unter meterdickem Schutt gefunden. Sie zählen zu den ältesten Kunstwerken, die der Mensch hervorgebracht hat.

Das Lonetal, wie es sich zur Eiszeit vor 40 000 Jahren darstellte und von den Menschen genutzt wurde, bildet der Archäopark Vogelherd nahe Niederstotzingen nach. Der Eingang mit Informationszentrum und Café ist einer geräumigen Höhle nachempfunden. Im weitläufigen Freigelände sind einige Mitmachstationen eingerichtet, darunter das Lager der Mammutjäger, ein Platz der Jagd mit Speerschleudern, Plätze der Begegnung, des Feuers und der Kunst, schließlich die Original-Vogelherdhöhle, dazu ein Grabungsfeld und eine Grillstelle.

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