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Senden

14.11.2019

Eine Textilproduzentin mit sozialer Ader

Sina Trinkwalder signierte ihre Bücher für die Besucher im Haus der Begegnung. Ungefähr 60 Zuhörer kamen zum Vortrag in Senden.
Bild: Andreas Brücken

Sina Trinkwalder spricht in Senden über ihre frühere Karriere und ihren Sinneswandel. Erfolg macht die 41-Jährige nicht am Umsatz fest.

Als eine der „besten Unternehmerinnen, die das Land derzeit zu bieten hat“, hat sich Sina Trinkwalder ihrem Sendener Publikum vorgestellt. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen inklusive Bundesverdienstkreuz hat die 41-Jährige bereits für ihre Arbeit erhalten. Bei so viel beeindruckender Leistung hebt mancher Besucher anerkennend die Augenbrauen. Doch bevor Trinkwalder im Haus der Begegnung noch weiter in Selbstbeweihräucherung verfällt, setzt sie selbst der Darstellung ein Ende: „Es erhält in unserer Leistungsgesellschaft nur Anerkennung, wer in seinem Beruf eine erfolgreiche Karriere vorweisen kann“, sagt sie ernüchternd und erinnert an die Kindheitsträume, in denen Buben noch Feuerwehrmann und Mädchen Prinzessinen oder Tierärztin werden wollten. „In der Pubertät zählt dann nur noch ein Beruf mit Aussicht auf Karriere und Erfolg, um sich die Statussymbole leisten zu können.“

Trinkwalder ist die Geschäftsführerin von Manomama, einer Textilfirma aus Augsburg, die auf dem Arbeitsplatz benachteiligte Mitarbeiter beschäftigt. Das Unternehmen fertigt unter anderem Stofftaschen für den Einzelhandel an. 2017 gründete Trinkwalder die Firma Brichbag, die aus Textilresten der Sonnenschutzindustrie Upcycling-Rucksäcke herstellt. Doch das war nicht immer so: Im Alter von nur 21 Jahren war sie zusammen mit ihrem damaligen Mann Stefan auf der Erfolgsspur unterwegs: Ihre Werbeagentur verhalf namhaften Firmen zum Erfolg und brachte damals dem Paar ganz großen finanziellen Reichtum. „Ich habe mir eine Handtasche gekauft, die so viel gekostet hat wie ein Auto“, erzählt Trinkwalder und spricht vom Konsum im Überfluss. Doch bald habe sie bemerkt, dass ihre Karriereleiter ein rasendes Hamsterrad sei, aus dem sie nur schwer ausbrechen könne. Mit der Geburt ihres Sohnes vor 14 Jahren habe das Wort „Verantwortung“ eine ganz neue Bedeutung für sie bekommen, wie sie sagt: „Verantwortung ist der Wert, den man für einen Menschen hat, der im besten Fall bis zum Lebensende reicht.“ Ausschlaggebend für ihren Sinneswandel sei eine Begegnung im November vor zwei Jahren mit einem Obdachlosen am Bahnhof von Wuppertal gewesen.

Trinkwalder hatte eine interessante Begegnung mit einem Obdachlosen

Der Mann habe einen Stapel Hochglanzzeitschriften, den sie weggeworfen hatte, aus dem Abfall geholt, erzählt sie. Auf ihre Frage, was er denn mit einer Illustrierten über Luxusartikel wolle, lautete die Antwort: „Ich bastele damit Weihnachtsschmuck für meine Frau.“ Damit sei sie aus ihrer Filterblase gefallen, sagt Trinkwalder und erinnert sich noch immer sichtlich berührt an diesen für sie schicksalhaften Moment. „Ich stehe vor einem Menschen, der aus dem Weggeworfenen sein nicht vorhandenes Heim dekoriert.“ Wie ein Wink Gottes sollte dann noch die Begegnung mit einem älteren Mann für sie gewesen sein, den sie anschließend im Zug kennenlernte. „Wichtig ist, dass die geleistete Arbeit relevant für die Gesellschaft ist“, habe ihr der Unbekannte mit auf den Weg gegeben, erinnert sich Trinkwalder.

„Wir müssen wieder lernen, etwas füreinander zu tun“, lautet seitdem das Lebensmotto der Unternehmerin, die jetzt davor warnt, Menschen nach ihrem finanziellen und wirtschaftlichen Nutzen zu bewerten. „Die Hochleistungs-Rosinenpicker in den Personalabteilungen verwehren vielen Menschen den Zugang zum Arbeitsmarkt und damit auch zum gesellschaftlichen Leben.“ Doch hätte jeder Mensch Fähigkeiten, sagt Trinkwalder und stellt klar: „Eine talentfreie Zone gibt es nur bei Dieter Bohlen.“ Als Gegenentwurf zum leistungsorientierten Arbeitsmarkt führt die Unternehmerin ihre eigene Firma in der „ihre Ladys“, wie sie ihre Mitarbeiterinnen nennt, ihre jeweiligen Fähigkeiten entfalten könnten. Die sogenannte Inneffizienz sei für sie der Nährboden, auf dem sich die Heimat und Würde ihrer Angestellten entwickeln könne.

Die Berufsbilder der Zukunft müssten derweil neu definiert werden, sagt Trinkwalder. Nicht der finanzielle, sondern der soziale Nutzen sollte ausschlaggebend sein. Mit Blick auf das ausufernde Konsumverhalten mahnte sie: „Nach dem Wohlstand kommt die Barberei.“ Um dem entgegenzutreten, müsse man nicht einmal eine neue Partei gründen, solange die Bürger den Mut haben, selbst mit anzupacken.

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