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Neu-Ulm

09.03.2018

Er bringt alles unter einen Hut

Ja natürlich, da muss man sich doch einfach aufregen. Erwin Pelzig tut das fulminant und ausführlich im Edwin-Scharff-Haus.
Bild: Alexander Kaya

Erwin Pelzig landet mit fränkischem Zungenschlag im vollen Edwin-Scharff-Haus einen rasanten Rundumschlag gegen alles, was die moderne Welt manchmal unerträglich macht.

Der fränkische Dialekt hat die Eigenschaft, Worten die Schärfe zu nehmen, denn er ist nicht hart, sondern höchstens „hadd“. Wenn also Erwin Pelzig auf den Wahnsinn der Zeit schaut, klingt manches eben putzig, etwa das „Bostfaktische“, „der Dramp“, die „Lüüsche“ oder „Big Dada“. Mit Letzterem ist nicht etwa die absurde Kunstrichtung aus dem frühen 20. Jahrhundert gemeint, es steht vielmehr für die absurden Möglichkeiten von „Big Data“, den Menschen gläsern und kontrollierbar zu machen. Putzig oder nicht: Bei Pelzig geht es um todernste Dinge, eben um alles, was einen an der modernen Welt verzweifeln lässt. Die bitteren Wahrheiten verabreicht er mit geschmeidigem Witz, damit sie beim Schlucken nicht so im Hals kratzen. Bis 23 Uhr braucht er dafür im vollen Edwin-Scharff-Haus, das er im fränkischen Zungenschlag als „arschidekdonische Berle“ tituliert.

Wahrscheinlich hätte Erwin Pelzig, der bürgerlich Frank-Markus Barwasser heißt, noch viel länger reden können. Er fordert sein Publikum ganz schön, wenn er zu vorgerückter Stunde auch noch mit Immanuel Kant daherkommt, denn: „Man kann bayerischen Schwaben um 22.45 Uhr doch noch einen neuen Gedanken zumuten.“ Während Normalsprecher für den Pelzig-Text wohl vier Stunden gebraucht hätten, schafft es Barwasser in gut zweieinhalb: Als Turbo-Temposprecher lässt er sich so schnell von keinem überholen. Er hetzt quasi atemlos durch die Nacht, wobei er diesen Vergleich ablehnen würde, denn beim Weltuntergang wolle er keinesfalls Helene Fischer hören.

Pelzig mit seinem lappigen Cordhut und dem spießigen Herrenhandtäschchen gehört zur aussterbenden Gattung der Politkabarettisten, die in der großen Tradition eines Dieter Hildebrand das flache Wasser der Comedy scheuen und gleich in die Tiefe gehen, die dorthin fassen, wo es wehtut. Grimassierende Parodien erspart er sich und seinem Publikum. Seine Tirade klingt manchmal wie Otto-Normal-Wutbürger. Doch während der gerne mal das „Heil“ in einfachen Lösungen findet, leidet dieser Pelzig an der Welt, die sich nicht in Schwarz und Weiß zeichnen lässt.

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Vergleichsweise kurz hält er sich in den Niederungen der hohen deutschen Politik auf. Er gibt der CSU und ihrem Hang „zum schlichten Denken“ das eine oder andere mit, hadert mit der SPD, die in der Groko den Steigbügelhalter gibt „und glaubt, sie sei das Pferd“. Er fürchtet, nächstes Jahr nichts mehr über die Sozialdemokraten sagen zu können, denn das sei dann strafbar als Störung der Totenruhe.

Pelzig eilt verzweifelt um die Welt, stößt dort auf Ungerechtigkeit, Dummheit, Lüge und die „Abrissbirne“ Trump, ärgert sich, dass Autokraten und Despoten „sich vermehren wie die Wölfe in Mecklenburg-Vorpommern“ und findet die Frage, ob es im Sport Korruption gebe, ähnlich sinnstiftend wie die, ob es „im Puff Nutten gibt“. Er nimmt sich die Datenmafia zur Brust und die Wirtschaftseliten, etwa den Ex-VW-Chef Martin Winterkorn, der trotz des Abgasskandals eine Rente von 3000 Euro einstreicht – täglich. Derzeit sieht Pelzig die Welt verdächtig nahe am Abgrund stehen – und macht das an den Zeugen Jehovas fest, die ja in ständiger Erwartung des Weltendes leben. „Die stehen wie immer in der Fußgängerzone und grinsen neuerdings. Das beunruhigt mich.“

Gegen Ende findet Pelzig eine griffige Formel für Kants Kategorischen Imperativ, der im sperrigen Original lautet: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Für Pelzig heißt das kurz: „Sei kein Arschloch.“ Wir werden’s beherzigen.

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